In die erste Reihe treten

Was es braucht, damit Frauen ihre Freiheit nutzen.

Wie bitte? Ich fasse mir an die Stirn, die sich in tiefe Falten legt. Nun lese ich die Schlagzeile der «Weltwoche» sogar laut vor, um mich zu vergewissern, ob ich nicht im falschen Film bin: «Frauen wollen weniger verdienen». Ich bin im falschen Film. Der Redaktor, der das schreibt, beruft sich auf eine Studie, die in der «European Sociological Review» veröffentlicht wurde. Wollen wir alle, Männer und Frauen, nicht stets möglichst gut verdienen und beruflich erfolgreich sein? Das trifft jedenfalls auf die Frauen der westlichen Welt und der heutigen «Generation 30 plus» zu, mit denen ich beruflich zu tun habe.

Die tendenziöse Headline lässt mich dennoch nicht in Ruhe. Und ich merke: mein Ärger ist eigentlich viel grundlegender. Er nährt sich aus Beobachtungen, die ich wenn immer möglich ausblende. Denn es stimmt – ich höre Frauen mit Doktortiteln sagen: «Weisst du, Hauptsache, mein Arbeitsinhalt stimmt, über den Lohn mag ich nicht debattieren…» oder «Nein, abstimmen, das mache ich nie, und wenn, dann frage ich meinen Mann… die machen doch in Bern eh, was sie wollen».

Es gibt sie also wirklich, die Frauen, die sich gerne von ihrem Mann die neuste Markentasche schenken lassen – und ihm dafür ihre eigene Stimme leihen. Es gibt sie, die Frauen, die freiwillig weniger verdienen, weniger debattieren – Hauptsache, sie müssen sich nicht exponieren. Aber warum eigentlich? Warum manövrieren wir – jawohl, wir, denn ab sofort meine ich damit «wir Frauen» – uns selbst ins Abseits? Warum setzen wir nicht alles daran, den Lohn für die getane, herausfordernde Arbeit zu erhalten – und laufen voller Stolz in das Geschäft, um uns selbst den Traum zu erfüllen? Oder ins Abstimmungslokal, um selbst mitzubestimmen? Dieses Problem können wir selber lösen, indem wir uns selbst ernst nehmen.

Im Moment wird hitzig über die «Schweizerische Arbeitskräfteerhebung» des Bundesamts für Statistik diskutiert. Sie zeigt, dass viele Akademikerinnen keine berufliche Karriere machen und es vorziehen, als Hausfrau tätig zu sein. Daraufhin wurden mitunter erhöhte Studiengebühren und sogar Sanktionen gegen diese Akademikerinnen gefordert – Massnahmen, die in die komplett falsche Richtung gehen. In meinen Augen soll in der Schweiz jede Person selbstbestimmt entscheiden können, wo ihr Fokus im Leben liegt – anders als in den angeblichen skandinavischen Traumdestinationen, wo Frauen geradezu zur Arbeit gedrängt werden. Wichtig ist aber, dass man mit innerer Überzeugung und Leidenschaft tut, was man tut – und «der» Gesellschaft nicht die Schuld für die eigene Unzufriedenheit gibt.

 

Machen, nicht «chlöne»

Für unsere Generation gilt, mehr als für jede Generation vor uns, was in der neuen Bundesverfassung steht: «Frei ist, wer die Freiheit gebraucht.» Die Mädchen meiner Sekundarklasse zählten zu den ersten, die frei zwischen «Handsgi» und «Werken» wählen durften. Das ist schon eine ganze Weile her, aber damals begann die allmähliche Auflockerung starrer Gesellschaftsstrukturen: Der Sexualkundeunterricht klärte auf, Homosexualität war keine Krankheit mehr, Selbstbestimmung kein Problem. Sogar die Scheidungen wurden salonfähig, einfach aufgrund der schieren Häufigkeit von Trennungen. Was lernte ich aus all dem, gerade als ältere Schwester, die mit gutem Beispiel voranzugehen hatte? Mich nicht treiben zu lassen, sondern meine Entscheidungen bewusst zu treffen. Meine Überzeugung, die damals reifte, auch dank zwinglianischer Erziehung: ich muss es allein schaffen können, denn das Leben ist kein Wunschkonzert – am Ende muss ich den Kopf hinhalten. Die Helden in meiner Familie sind – sorry! – die Frauen, die mir klarmachten, dass es zu einem erfüllten Leben gehört, Ambitionen zu hegen, Berge zu erklimmen, Instrumente zu spielen – und selbst für seine Haustiere zu sorgen. Eigenverantwortung und Eigeninitiative beginnen im Kleinen.

 

Wagen für den Fortschritt

Weshalb aber bauen offenbar viele Frauen noch immer nicht auf diese gewonnene Freiheit, unser neues Wissen, unser Können? Nun, die Angst, Fehler zu machen, ist nicht das, was wir zu einem gedeihlichen Zusammenleben von Mann und Frau brauchen. Und es ist auch nicht das, was die Schweiz weiterbringt. Blickt man zurück auf das 18. und 19. Jahrhundert, war die Schweiz eines der innovationsfreudigsten Länder. Und heute? Wir haben einen so hohen Lebensstandard erreicht, dass wir am liebsten bloss noch den Reichtum verteidigen möchten, was unsere Ahnen angehäuft haben. Aber so läuft das leider nicht. Wer sich aufs Bewahren einstellt, verliert am Ende auch das Sichergeglaubte. Die Folge? Das Wachstum in der Schweiz stagniert. Die Produktivität sinkt. Die beiden CS-Analysten Claude Maurer und Andreas Christen haben zu Beginn des Jahres errechnet, dass das Pro-Kopf-Wachstum der Schweiz knapp 1 Prozent beträgt, dasjenige der EU im Schnitt 1,2 Prozent. So was hört man hierzulande nicht gern, aber auch IMD-Ökonomen werfen in ihrem aktuellen Länderranking die Frage auf, wie lange die angeblich kompetitive Insel ihre Stellung noch behalten könne.

Die Konkurrenz aus dem Ausland ist gut ausgebildet, fleissig und voller Tatendrang. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative konfrontiert uns in ganzer Schärfe mit der Frage: Wie kommen wir im Land selbst zu mehr potentiellen Fachkräften? Eine Antwort auf diese Frage könnte sein: Es braucht mehr Frauen, die ihre Scheu abschütteln und endlich ihr ganzes Potential nutzen. Nur, wie schaffen wir das?

Damit wir Frauen der heutigen Generation etwas wagen und uns auch zunehmend wohl in der ersten Reihe fühlen, braucht es aus meiner Sicht vor allem drei Dinge:

1. Vorbilder

Wie in der Medienpsychologie bereits intensiv diskutiert, fehlt es an weiblichen und starken Rollenvorbildern unserer Generation. In Studien spricht man dabei vom «CSI»-Effekt: Im Zuge der Ausstrahlung der gleichnamigen Fernsehserie schoss in den USA die Zahl der Studienanfängerinnen im Fach Forensik – zuvor eine Männerdomäne – auf 75 Prozent. Sheryl Sandberg (COO Facebook) arbeitet mit der Bildagentur Getty Images in der Nonprofitorganisation «Lean» an einem präsenten neuen Frauenbild und hat eine Sammlung mit Bildern von «dynamischen» Frauen zusammengestellt. Wer nicht so weit schauen will, um Vorbilder zu finden, frage einfach sich selbst: Zu wem schaue ich auf, wenn ich an starke Frauen denke? Ich für meinen Teil denke augenblicklich an meine Grossmutter, die den Herausforderungen des Lebens stets mit Zuversicht entgegentrat, mich erdete und mir Mut zusprach – geh deinen Weg, wo auch immer er dich hinführt.

2. Exponieren und Debattieren

Harvey Coleman, Berater und Erfolgsautor, führt den Karriereerfolg auf drei Faktoren zurück: «PIE – Performance, Image and Exposure». Der wichtigste Faktor dabei ist Exposure, sprich: mit seinen eigens entwickelten Problemlösungen, seinem Wissen und seiner Eigenständigkeit nach vorne zu treten. Genau hier scheinen wir Frauen oftmals den Mut zu verlieren und suchen erst alle möglichen Mängel in der Präsentation, statt dass wir uns mit einer bereits sehr guten Lösung der Kritik aussetzen. Mir selbst geht das manchmal auch noch so. Bei Reisen nach Asien und in andere Teile der Welt beobachte ich regelmässig, wie selbstbewusst Frauen auftreten können, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind. Zurückhaltung ist eine Eigenart von Schweizerinnen – womöglich eine Nachwehe des erst spät durchgesetzten Frauenstimmrechts. Tatsache ist, dass Frauen sich hierzulande oft schüchtern geben und, im Vergleich zur internationalen Konkurrenz, erst mit erheblicher Verspätung lernen, wirklich auf Augenhöhe mit Männern zu debattieren. Die Freude am Nachvornetreten ist entscheidend, wenn es darum geht, gemeinsam weiterzukommen – trainieren wir sie!

3. Sportsgeist

Was ich immer beobachte, ist, wie Männer, sei es im Sportverein, am Stammtisch oder in Studentenverbänden, zusammenhalten. Diesen Sportsgeist wünsche ich mir auch für uns Frauen. Dazu gehört, dass wir gemeinsame Projekte aushecken – aber eben auch, dass wir den Wettbewerb untereinander leben. Nur sollte er sich nicht um den Dresscode drehen, sondern um Leistung und Haltung.

Zurück zur Eingangsstudie und zum Bericht der «Weltwoche», der erklärt, es gebe bei genauer Betrachtung der soziologischen Studie keine Hinweise auf Lohndiskriminierungen aufgrund des Geschlechts. Es gibt zahlreiche Studien, die das Gegenteil belegen. Aber um ehrlich zu sein: dieser Diskussion bin ich längst überdrüssig. Wir brauchen keine Lohnpolizei. Und wir brauchen keine öden Genderdebatten. Solange sich Frauen als diskriminiert wahrnehmen, handeln sie aus Anspruchs- bzw. Verteidigungshaltung heraus – das wirkt alles andere als leistungsfördernd. Niemand hindert uns schliesslich daran, ein eigenes Unternehmen zu gründen und es besser zu machen. Der Wandel fängt bei uns selbst an, beim Glauben an den eigenen Erfolg.

 

Zum Schluss das Stichwort Kreativität!

«Creativity is about you. If you live creatively, you design your life instead of just surviving it. The practice of creativity enables you to live your life in your own way. Creativity translates ideas into action.»

Dieses Zitat, dessen Urheber ich nicht kenne, begleitet mich schon lange. Kreativität wird in unseren Schulen, in unserem Ausbildungssystem, als wichtiger Wert betrachtet und vermittelt – aber kommt die Nachricht auch an? Die hiesigen Freiheiten zum Nutzen der eigenen, auch weiblichen, Kreativität und die Freiheiten zur Umsetzung dieser in wirtschaftliche Projekte – das sind grosse Standortvorteile gegenüber den autoritären, derzeit aufstrebenden Ländern und auch gegenüber anderen, vornehmlich produzierenden Teilen der Welt. Wer diese Freiheiten intensiver nutzt, kann hier und heute aus der zweiten Reihe treten. Do it!

Wenn wir Frauen mutiger werden und uns mit eigenen, kreativen Lösungen exponieren, werden wir künftig auch keine dummen Titel zu traurigen Studien mehr in den Zeitschriften lesen müssen. Wir werden am Steuer sitzen, ebenso viel oder mehr verdienen als unsere männlichen Kollegen und bald schon in der ersten Reihe stehen. Und dort hoffentlich auch weniger Falten haben.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»