In der Komfortzone des Kokons

Millennials scheinen nicht älter zu werden, sie bleiben ewig Kinder. Was würde C. G. Jung zur Entwicklungshemmung der Generation Y sagen?

In der Komfortzone des Kokons

 

Carl Gustav Jungs Theorie der Individuation war ein Versuch, die psychologischen Vorgänge zu beschreiben, die alle menschlichen Wesen seit Anbeginn der Zeiten durchlitten haben. Diese Theorie sah die mythologischen, religiösen und künstlerischen Symbole, die uns auf Höhlenwände gekritzelt überliefert wurden, als objektive Befunde dafür an, dass etwas sich selbst zu begreifen suchte. Diese Symbole reflektierten daher die Natur des menschlichen Wesens, zu einem Verständnis seines Selbst gelangen zu wollen, etwas über die Natur Hinausreichendes zu werden und seine eigene Natur kennenzulernen.

Keine Helden, nirgends

Die in den inneren psychologischen Prozessen menschlicher Wesen sich ereignende Individuation ähnelte oft den gewalttätigen Handlungen, die in den ältesten Mythologien der Menschheit beschrieben werden. Die Entwicklung der Persönlichkeit war für Jung gleichbedeutend mit der Abkehr von der Natur. Darin lässt sich der Mythos des Helden erkennen, der Schlangen erschlägt, der verlorene Sohn, dem es gelingt, den geschlossenen Kreis der Familie und ihrer kleinen und grossen Dramen aufzubrechen und neue Wege zu erschliessen. Betrachten wir in diesem Zusammenhang das Schicksal des modernen Menschen, der keine Arbeit und keinen Ehepartner findet und sich kein eigenes Heim leisten kann.

Bietet das Leben keine Möglichkeit, voranzukommen, bleibt der verlorene Sohn bis weit über das zwanzigste, manchmal ­sogar das dreissigste Lebensjahr hinaus behütet unter dem Dach der Mutter, und die Zukunft erscheint ihm so trübe wie die Ver­gangenheit. Für den Psychoanalysten der Jung’schen Schule ­repräsentiert das Konzept der «Welteltern» das in sich selbst verstrickte Individuum, das Kind, das im Familiendrama seiner ­Eltern gefangen und unfähig ist, seine eigene Zukunft zu sichern.

«In den stattlichen Anwesen der Babyboomer hausen ihre Kinder auf dem Dachboden und leben ein Stellvertreterleben über Bildschirme.»

So wurden soziale und wirtschaftliche Krisen stets auch zu Sinnkrisen, begrenzten sie doch die erfolgreiche Individuation in der modernen Welt. Sinkt die Erwerbskraft der eigenen Kinder und sind die betagten Menschen die letzte Generation, die die Freuden einer dem Untergang geweihten Zivilisation geniesst, dann frisst Kronos seine eigene Brut. Die Grosse Mutter vertilgt den jungen Helden. Genauso verzehren die älteren die jungen Menschen und rauben ihnen die Zukunft. In den stattlichen Anwesen der Babyboomer hausen ihre Kinder auf dem Dachboden und leben ein Stellvertreterleben über Bildschirme.

Es wäre jedoch ein Fehler, würde man dafür allein wirtschaftlichen Faktoren die Schuld geben. Bei all ihren progressiven politischen Tendenzen ist die Millennialkultur von grossem Heimweh nach dem Reich der Kindheit geprägt. Eine Trennung zwischen einer Kultur für Kinder und einer für Erwachsene gibt es nicht mehr. So werden Medieninhalte aus den 1990er Jahren immer noch von Erwachsenen zitiert und in Memes verwandelt, weil sie sie als Kinder liebten. Auch Anime, Videogames und Social-­Media-Inhalte werden generell für ein altersloses Publikum von Peter Pans entworfen.

Im Griff des kulturellen Infantilismus

Während Geschichten in den Kulturen des Altertums vom Kampf mit der Wirklichkeit erzählten, ist es heute umgekehrt: Geschichten dienen uns als Ersatz für die Realität. Auch die Politik ist zu ­einer Bühne von Geschichten geworden, die der Realität über­gestülpt werden, aber mit ihr nichts zu tun haben. Wie C. G. Jung erkannte, sind Menschen in hyperrationalistischen modernen ­Gesellschaften so sehr ihrer selbst bewusst, dass sich der Individuationsprozess nicht mehr länger natürlich ereignen kann. Stattdessen liegt er unter Rationalisierungen begraben und ist ständigen Überprüfungen ausgesetzt, die unsere Ahnen nicht kannten. Folglich stehen wir dem «Allgemeingültigen» oder «Schöpfungsgeschichten» sehr skeptisch gegenüber. Unsere Vorstellung von Geschichte als Fortschrittserzählung hemmt unsere Fähigkeit, Ideen der Vergangenheit überhaupt eine Relevanz für das Heute zuzubilligen. Ironischerweise verleugnet der moderne Mensch die gesamte historische Kindheit der Menschheit und klammert sich gleichzeitig umso stärker an seine persönliche Kindheit.

Jede progressive Geschichtsdeutung zieht aus einer Jung’schen Perspektive zahlreiche psychologische Probleme nach sich. Wenn…

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