In der Branche nachgefragt:

Was wünscht ihr euch für das Theater der Zukunft?

 

Janina Stopper fotografiert von Robin Kater.

Um das Theater attraktiver zu machen und vor allem auch jüngere Leute anzulocken, muss man den «Spagat» zwischen Unterhaltung und «Bildung» meistern.

Alle Theater haben gemeinsam, dass es dort einige Schauspieler im Ensemble oder als häufige Gäste gibt, die man entweder regional gut kennt, weil sie schon lange auf der Bühne sind, oder die dem breiten Publikum aus Film und Fernsehen bekannt sind. Das zieht, solche Schauspieler will das Volk sehen! Ein weiterer Kassenschlager: Stücke, die Schullektüre sind, Buch- oder Filmklassiker. Ein Theater braucht immer ein paar «Zugpferde», für die viele extra ins Theater gehen. Egal, ob Personen oder Themen.

Doch Theater darf nicht nur für Intellektuelle gemacht werden, es muss auch immer zumindest teilweise für die «breite Masse» verständlich sein. Manchmal sehen Theaterveranstalter einen Konflikt zwischen Intellekt und Massentauglichkeit: Man entscheidet sich dafür, nur die eine intellektuelle, ganz schlaue Art Theater anzubieten oder nur noch Unterhaltung zu machen, weil das halt viel Publikum anzieht. Beide Strategien werden nicht funktionieren, die Mischung im Angebot macht’s! Und wer weiss: Vielleicht schafft man es sogar, beides in einem Stück zu vereinen? Und wie wär’s zum Beispiel mit ein bisschen Kreativität? An der Berliner Volksbühne wurden oft «Theater-Spektakel» von sechs oder mehr Stunden geboten. Wer will, kann jederzeit rein- oder rausspazieren, das hat auch bei einem jüngeren Publikum Anklang gefunden.

Ich habe einmal Lars Eidingers «Romeo und Julia» an der Schaubühne gesehen. Ob man seine Arbeit mag oder nicht: Ihm ist es gelungen, viele junge Leute fürs Theater und für ein Stück zu begeistern, die vielleicht ohne ihn niemals ins Theater gegangen wären. Wenn man es schafft, junge Menschen irgendwie fürs Theater zu begeistern, dann werden sich viele auch noch als Erwachsene dafür interessieren. Und wer weiss: Vielleicht wird der Theaterbesuch für einige von ihnen so zur Tradition?

Bernhard Kampfl zvg.

In die Theater der öffentlichen Hand fliessen Millionen. Aber als Schauspieler an einem solchen Haus bist du trotzdem ein schlecht bezahlter Erniedrigter. Jeder Techniker, jeder Chorsänger, jeder Orchestermusiker verdient ein Vielfaches von dir. Du hast immer geteilte Dienste. Proben 10 – 14 und 19 – 23 Uhr. Auch samstags. Text lernst du, und dein Privatleben erledigst du in diesen drei bis vier Stunden am Nachmittag. Du spielst an allen Feiertagen, ausser dem 25. Dezember. Überstunden gibt es nicht. Das einzige, was dir zusteht, sind die Ruhezeiten. Zu meiner Zeit waren das nachmittags drei Stunden und nachts elf Stunden. Du spielst also bis 23.00 Uhr «Ferdinand» und stehst am nächsten Tag um 10.00 für das Weihnachtsmärchen auf der Probebühne. Du spielst fünf bis zehn Stücke parallel. Deine ganze Karriere oder Nichtkarriere ist von einer einzigen Person abhängig: dem Schauspieldirektor oder der Intendantin. Sie vergeben Rollen. Und sie schmeissen dich raus.

Und dennoch: Ein Schauspieler zu sein, ist die schönste Sache auf der ganzen Welt! Das ist die Falle: Die unendliche Leidenschaft des Schauspielers für seinen Beruf ist seine Achillesferse. In dem Moment, wo der Vorhang hochgeht, wischen Liebe und Lust, da oben auf der Bühne zu stehen, alles andere hinweg.

Die Saison 2020/21 hat das Potenzial, zu einer der grossartigsten der letzten Jahrzehnte zu werden. Nach Monaten der Selbstisolation werden sich Zuseher und Schauspieler nach diesem gemeinsamen Erlebnis «Theater» wie Verdurstende nach einem Glas Wasser sehnen. Aber lasst die unsäglichen Mikroports und Videoprojektionen bitte im Magazin.

Julius E.O. Fintelmann fotografiert von Maximilian Holzenburg.

Das Theater kann und soll sich nach der Krise neu finden. In einer inhaltlichen Filterung und Neuorientierung könnte ein wichtiger Schwerpunkt so lauten: Das Theater endlich wirklich mit jungen Menschen zu entwickeln. Aber wie?

Viele Angebote betonen bis heute lieber das «für» als das «mit» jungen Menschen. Das funktioniert nur bedingt und ist eigentlich auch viel zu aufwendig, da es eine viel einfachere Lösung gäbe: Wer weiss denn besser, was junge Menschen genau wollen, als junge Menschen selbst? Aus diesem Grund hier eine kleine Handreichung: bewusst verallgemeinernd, zugleich völlig subjektiv und keinesfalls empirisch.

Zunächst einmal: Es müssen nicht alle! Es gibt keinen Grund zu erwarten, dass alle jungen Menschen ins Theater gehen müssen, oder gar, dass es allen gefallen müsste. Das Ziel muss aber sein, die Angebote so auszurichten, dass junge Menschen leicht Gefallen daran finden und einsteigen können.

Junge Menschen wollen Neues sehen. Es gibt kaum Langweiligeres für junge Menschen als das, was sie sowieso schon in der Schule durchkauen. Junge Menschen wollen keinen Schiller, sie wollen keinen «Faust» – aber sie wollen auch kein Pillepalle ohne Substanz und Boden. Nein, junge Menschen wollen für sie relevante Themen behandelt sehen – gerade im Zuge der Politisierung durch #FridaysForFuture und #MeToo. Junge Menschen wollen hinterfragt werden und selbständig hinterfragen.

Und das Wichtigste: Junge Menschen wollen einbezogen sein. Wenn es mit «Audience Development» wirklich ernstgemeint ist, dann braucht es junge Menschen nicht nur im Publikum. Junge Menschen braucht es überall: vor der Bühne, auf der Bühne und hinter der Bühne. Und ja, junge Menschen braucht es auch dort, wo die nächste und übernächste Saison geplant wird: in den Direktionen und Dramaturgieabteilungen der Theater. Also dort, wo die Entscheidungsträger sitzen. Dieser Grundsatz gilt im übrigen nicht nur für das Theater, sondern für alle gesellschaftlichen Bereiche. Gleichaltrigkeit schafft Identifikation.

Das Klischee, dass junge Menschen nicht ins Theater gehen (wollen) würden, ist nicht richtig. Es ist aber an der Zeit, dass sich die Theaterszene öffnet. Es braucht ein grundsätzliches Überdenken der Rolle, die Jugendliche im Theaterbetrieb einnehmen können.

«Kurvt unentwegt jenseits
der Staatsgläubigkeit.»
Beat Kappeler, Ökonom und Publizist,
über den «Schweizer Monat»