In den Ofen mit den Kleidern!

Erzählend erlebte Welt: welche Stoffe liegen auf der Strasse, welche harren der Erfindung, welche lassen sich nur lesend erfahren? Vierzehn Erzählungen von Silvio Huonder. Ich kenne nichts von seinen Hörspielen und Theaterstücken, nicht seine ersten beiden Romane, aber immerhin «Valentinsnacht», die Geschichte des Fedo Paulmann, der als Meteorologe das Wetter voraussagen kann, sein Leben jedoch nicht. Ich erinnere mich an diesen Roman als etwas Komisch-Trauriges, voller Szenen, die auf keine Bühne warten, aber lesend in Gedanken nachgespielt sein wollen.

Manche Erzähler verraten ihr Betriebsgeheimnis. Bei Silvio Huonder liest sich das in einer seiner Erzählungen so: «Das Unwahrscheinliche glaubwürdig zu erzählen.» Oder: «Nah dran ist vielleicht dasselbe wie weit weg.» Wie sieht das konkret aus? «Hürni hat etwas verloren. Er weiss nicht, was es ist, aber er beginnt zu suchen.» Oder in einer anderen Geschichte: «Antonio Bladessarini, Erster Posaunist der Sinfonietta di Roma, Gastsolist in der finnischen Philharmonie, stand im Orchesteranzug vor einem Verliner Abfalleimer und analysierte dessen Inhalt»! Warum? Weil er einen Zahn im ausgespuckten Kaugummi verloren hat. Und dann ist da «Tobi», die erste Geschichte des Bandes, die eigentlich am Schluss stehen sollte als letztmögliche Steigerung, als Aufweis von Huonders erzählerischem Vermögen. Es ist die Geschichte eines Jungen, der wieder einmal seine Mütze in der Schule vergessen hat, nach Hause geht zu seiner geschiedenen und verstörten Mutter, sieht, wie sie sich auszieht, Kleidungsstück um Kleidungsstück in den Ofen wirft, nackt und trancehaft die Wohnung verlässt und auf die Strasse geht, wobei der Junge davon überzeugt ist, dass nur er und seine Mützenvergesslichkeit schuld an diesem Verhalten der Mutter sei. Aber lesen Sie selbst, lesen Sie!

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Silvio Huonder: «Wieder ein Jahr, abends am See». München: Nagel & Kimche, 2008.

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