«In deinem Land nicht verfügbar…»

Fast ein Staatsempfang war es, als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg jüngst Deutschland besuchte. Die Politprominenz drängte an seine Seite – und sei es nur für einen Fototermin. Kein Wunder: mit mehr als 1,5 Mrd. Nutzern ist das soziale Netzwerk bevölkerungsreicher als China, Entscheidungen Zuckerbergs beeinflussen den Alltag unzähliger Menschen weltweit. Und doch kam Zuckerberg nicht, um […]

Fast ein Staatsempfang war es, als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg jüngst Deutschland besuchte. Die Politprominenz drängte an seine Seite – und sei es nur für einen Fototermin. Kein Wunder: mit mehr als 1,5 Mrd. Nutzern ist das soziale Netzwerk bevölkerungsreicher als China, Entscheidungen Zuckerbergs beeinflussen den Alltag unzähliger Menschen weltweit. Und doch kam Zuckerberg nicht, um zu triumphieren, nein, sein Auftritt erfolgte im Gestus der Demut. Fehler habe man begangen, Besserung wurde gelobt. Was war passiert? Zu viel Redefreiheit hatte Facebook seinen Mitgliedern gewährt, zumindest nach deutschem Verständnis. Bis hin zu dümmsten Verunglimpfungen und rassistischen Ausfällen hatten die Amerikaner ihre Nutzer veröffentlichen lassen, was sie wollten – ganz unkontrolliert. Unerhört! Justizminister Maas gemahnte Facebook an deutsche Tabus. Das Unternehmen richtete daraufhin eine Art deutsche Zensurabteilung ein – sogenannte «Hassbotschaften» können nun gemeldet und entfernt werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass Deutschland mehr Kontrolle über nutzergetriebene Plattformen erzwingt: Die Deutschen sind etwa Weltmeister im Sperren von YouTube-Videos. Warum? Hinter vielen Nutzervideos wittert die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) Urheberrechtsverletzungen. Aus Sorge vor Klagen schränkt YouTube präventiv die Mitteilungsfreiheit der Nutzer ein. Und auch Google installierte Deutschland zuliebe einen Zensurmechanismus: Das «Recht auf Vergessenwerden» erzwingt die Entfernung von Suchergebnissen – egal, ob sie treffend und korrekt sind oder nicht.

Wir lernen: Das Land der Dichter und Denker, der Tüftler und Ingenieure spricht heute nicht mehr die Sprache Goethes, sondern Shakespeares. Der bisweilen chaotischen Kreativität der digitalen Nutzerherrschaft ziehen die Deutschen Autorität und Kontrolle vor: Ordnung vor Risiko. «German Angst» heisst das im Englischen. Auf Deutsch bleibt zu ergänzen: Zukunft geht anders.


Christian P. Hoffmann
ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig und Forschungsleiter am Liberalen Institut in Zürich. Er lebt in Leipzig.