In Afrika mit Max

In Laos begegnete ich einmal zwei jungen Schweden, die sagten, sie wollten auf ihrer Reise durch Südostasien leben wie die Einheimischen. Sie lernten kochen wie Laoten, kleideten sich wie Laoten, nur Bier tranken sie wie Schweden, und so waren sie auch schon ziemlich besoffen, als sie sich in Luang Prabang auf ein selbergebasteltes Floss setzten, um sich vom Mekong in ihr neues Leben treiben zu lassen. Ich winkte ihnen wehmütig nach, bis sie hinter der ersten Flussbiegung verschwunden waren. Sollten sie entdeckt haben, was ich noch suchte: das Abenteuer vom Verlorengehen in einer fremden Welt?

In David Signers Roman «Keine Chance in Mori» ist es Max, der auf einer Reise verlorengeht, der davon träumt, alles hinter sich zu lassen und deshalb in Afrika untertaucht. Und Serge, sein Freund, muss ihn im Auftrag von Max’ Vater wieder finden. Dabei gerät die Suche für Serge zum existenziellen Trip. Nicht nur, weil Max’ Vater Dr. Cronenberg als Verwaltungsratspräsident des Zürcher Schauspielhauses amtet und für Theaterregisseur Serge die Aufführung seines Premierenstücks vom Erfolg seiner Mission abhängt, sondern auch, weil ein jedes Rätsel, das Serge um Max’ Verschwinden löst, zu neuen Rätseln führt. Stück um Stück verliert Serge in Afrika alles: Geld, Sicherheit, Vorstellungen. Was wird er im Gegenzug finden? Max? Sich selbst? Die Liebe? Sein Ende?

Mit Feingespür für Ambivalenz und Atmosphäre verwebt Buchautor und «Weltwoche»-Journalist David Signer die Biographien seiner beiden Protagonisten und deren Abenteuer in Afrika zu einer Geschichte, die tief in die verwirrende Koexistenz eigener Wünsche und Wirklichkeiten führt. Und hinein in die fremde Welt eines Kontinents, von dessen Zauber sich Ethnologe Signer auf einer mehrjährigen Reise durch Afrika selber fast um den Verstand bringen liess. Wie schon in seinem wissenschaftlich geprägten Werk «Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt», konfrontiert Signer die Leser auch in seinem Débutroman sanft und doch schonungslos mit der existenziellen Sinnlichkeit Afrikas, diesem scheinbar ewigen Tanz auf dem Scheidepunkt zwischen Traum und Alptraum. Dass dabei in Signers Buch auch ein Heiler eine wichtige Rolle spielt, versteht sich von selbst.

Geschickt lässt der Autor Phantasie und Realität verschwimmen, zieht den Leser immer weiter hinein in die Verschwommenheit eigener Träume und die Abgründe, die sich jenen auftun, die auf der Suche nach Freiheit sind. Janis Joplin hat längst besungen, worauf es dabei ankommt: «Freedom is just another word for nothing left to lose.» Aber sind wir bereit dafür? Ist es Max? Serge?

Die Schweden waren es nicht, übrigens. Am nächsten Tag bin ich ihnen wieder in Luang Prabang begegnet. Weit gekommen sind sie nicht. Bei der ersten Stromschnelle nach der Flussbiegung kenterte das Floss, und der Mekong trug nicht nur ihre Siebensachen, sondern auch ihre Lust auf Abenteuer davon. Als ich sie traf, buchten sie gerade ihren Rückflug nach Stockholm. Nach nur einer Woche Leben wie Laoten griffen sie zu den «Krücken im Bodenlosen», die jeder Reisende sicher auf sich zu tragen weiss: ihren Kreditkarten.

vorgestellt von Christof Moser, Zürich

David Signer: «Keine Chance in Mori». Zürich: Salis, 2007.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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