Immerhin wird stimmig gestorben

Der Roman stellt sich in die Nachfolge von Meinrad Inglins «Schweizerspiegel», der ebenfalls mit dem Besuch des deutschen Kaisers in Zürich anhebt, und Kurt Guggenheims «Alles in allem»: ein Epochenroman als Familienroman. «Das Gute» berichtet über mehrere Generationen der mittelständischen Zürcher Familie Frauenlob, und anhand ihres Bildes von der Geschichte der Schweiz und Zürichs, insbesondere von 1912 bis 2012. Enthusiastische Besprechungen haben Lust auf die Lektüre gemacht. Dann aber die grosse Enttäuschung. Man liest und liest und fragt sich: Wann hebt diese Geschichte endlich ab? Sie tut es nicht, man quält sich durch. Erst am Schluss der 626 Seiten eine kleine Belohnung: es wird stimmig gestorben, die Darstellung von Erosion und Verfall überzeugt. Auch ist der skurrile Turm, den sich Grossvater Frauenlob auf sein Ende hin baut, eine wunderbare Metapher. Schade aber, dass dies doch nicht das Ende ist − ein märchenhaft verlogenes Finale vereint die unterdessen verstreute Grossfamilie auf dem Zürichsee und lässt sie lichtvoll-utopisch zu neuen Ufern aufbrechen. Hier soll ein Leben siegen, das es nie gab.

Eine «Huldigung an Zürich», mag sein. Der Verlag weist darauf hin, dass der Autor «als Stadtbürger geboren» ist. Kann das von Belang sein? Es gibt mittlerweise eine Unzahl nur schon von Krimis, die alle Zürich «huldigen», indem sie mit Lokalkolorit wuchern. An Helden, die ums Grossmünster kreisen, mangelt es nicht. Auch dass ein geschichtliches Geschehen stoffreich wiedergegeben wird, ist noch keine literarische Qualität. Bieder trottet diese figurenreiche Erzählung vor sich hin, wie ein kleinstämmiger Haflinger, von dem man wenig erwartet, wenn er nur seinen Reiter treu zum Ziel trägt. Überall errichtet sie lehrerhafte Wegweiser von penetranter Sichtbarkeit und Indezenz, die von sprachlichem Raffinement und souveräner Ironie, die am Wegesrand vereinzelt blühen, nicht aufgewogen werden. Oft vertraut der Autor seiner eigenen Sprache nicht. Er lässt eine Figur eine Aussage machen und den Erzähler diese sogleich kommentieren, als sei der Leser schwer von Begriff. «Albin Zollinger − kennen Sie ihn?» wird Frau Dr. Bleuler-Waser gefragt. Sie antwortet: «Gehört habe ich schon von ihm.» Und der Lehrererzähler fügt an: «Also nicht gelesen.» Dieses Buch, dem zu einem Meisterwerk, als das es angesprochen worden ist, ein ziemliches Stück fehlt, wird jene für sich begeistern, die auf starke Identifikation aus sind.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich

Kaspar Schnetzer: «Das Gute». Zürich: Bilger, 2008.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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