Im Würgegriff der Piraten

Ohne Schifffahrt stünde die globalisierte Wirtschaft still. Der maritime Handel sorgt sich dabei weniger um Bürokratie und Freihandelsabkommen, als um moderne Piraterie: Überfälle und Geiselnahmen machen den Job des Seefahrers zum tödlichsten der Welt.

Die heutige globalisierte Wirtschaft ist extrem abhängig von der Meeresschifffahrt. Fast kein Gut, das produziert, verkauft oder angebaut wird, würde es ohne die Wasserrouten auf den Markt schaffen. Hersteller sind auf sie angewiesen, um an essenzielle Zutaten für ihre Produkte zu kommen. «90 Prozent von allem», wie Seefahrer das gerne sagen, reisen mit dem Schiff. Ohne die kommerzielle Schifffahrt wäre die Welt, wie wir sie heute kennen, eine fundamental andere. Trotzdem weiss kaum jemand, unter welchen Bedingungen die Schifffahrt funktioniert – und viele sind überrascht, wenn sie hören: Zur See zu fahren ist der gefährlichste Beruf, den es gegenwärtig gibt.

Die Wahrscheinlichkeit, tödlich verletzt zu werden, ist als Seefahrer dreimal so hoch wie in jedem anderen Job.1 Die Gefahren, denen die Frauen und Männer des Schiffspersonals ausgesetzt sind, sind dabei nicht nur physischer Natur. Von den Todesfällen, die in oben zitierte Statistik flossen, waren 7,5 Prozent Suizide. Bei weiteren 18 Prozent der Unfälle ist unklar, ob sie Unfälle oder nicht doch bewusste Handlungen waren. Sicher jeder dreizehnte, möglicherweise bis zu jeder vierte Matrose nimmt sich also das Leben. Einer der Hauptgründe für diese blutige Statistik sind Piraten.

So altertümlich der Begriff anmuten mag: Die Piraterie ist ein massives und weit herum unterschätztes Problem des 21. Jahrhunderts. In den letzten zehn Jahren gab es über 3000 Piratenangriffe auf Schiffe und über 6000 Geiselnahmen. Die Stiftung, für die ich arbeite, hat zwei Jahre lang untersucht, welche Auswirkungen diese Geiselnahmen auf Seefahrer haben, und die Erfahrungen der Matrosen dokumentiert.2 So viel im voraus: das Leiden ist gross – und es geht um sehr viel Geld.

 

Zur Fahrt nach Somalia gezwungen

Die Geschichte von «Mark», wie er in diesem Text heissen soll, ist eine sehr typische für das, was zurzeit auf unseren Weltmeeren geschieht. Mark ist Berufsseemann und in vielerlei Hinsicht repräsentativ für seine Branche. 98 Prozent der Seeleute sind Männer, 28 Prozent stammen – wie er – von den Philippinen. Die Philippinen haben eine lange Seefahrertradition, sie versorgen den globalen Markt mit mehr Seeleuten als jedes andere Land. Bis ins Jahr 2012 war Mark Crewmitglied eines jener Schiffe, die verarbeitete Güter und Rohstoffe rund um die Welt transportieren. Er ist Überlebender eines Piratenangriffs und war Geisel.

Im Jahr 2010 war Mark an Bord eines Supertankers, der Öl aus dem Irak in die Vereinigten Staaten transportierte – durch das Arabische Meer. Supertanker heissen nicht umsonst offiziell «Very Large Crude Carrier» (VLCC); es sind enorm grosse Gefährte. Mit einer Länge von mehr als 330 Metern (mehr als drei Football-Felder) und 60 Metern Breite sind es schwimmende Ungetüme, mit zwei Dutzend Crewmitgliedern. Mark war im April 2010 sieben Monate auf See und schlief in seiner Koje, als ein Notfallalarm ihn weckte. In seinen Worten:

«Der Notfallalarm war der vertrauteste Alarm an Bord. Es folgte eine Durchsage an alle, von Seiten des diensthabenden Offiziers, es war der Dritte Offizier, der alle auf die Brücke kommandierte. Also rannte ich von meiner Kajüte zur Brücke. Alle Offiziersdienstgrade waren schon dort. Der Kapitän informierte uns, dass wir von einem Hochgeschwindigkeitsboot verfolgt würden. Zu dieser Zeit konnten wir es mit blossen Augen sehen: Es war circa zwei Meilen entfernt, sehr schnell – und unser Schiff fuhr gerade einmal vierzehn Knoten. Nach einer halben Stunde hatte es uns beinahe eingeholt.»

Den Piraten geht es meist nicht um die Übernahme der Fracht oder das Aneignen anderer Wertgegenstände, sondern um Lösegeld. Sie erpressen die Reedereien – und ihr «Pfand» besteht nicht nur aus gekapertem Schiff und Waren, sondern auch aus den Leben der an Bord befindlichen Crew. Mark und die anderen konnten sie nun sehen: ein halbes Dutzend Piraten in Tarnfleckjacken und…

Der Freihandel und seine Feinde

Der internationale Handel hat unsere Gesellschaften reich gemacht. Der internationale Handel hat unsere Gesellschaften offener gemacht. Der internationale Handel hat unsere Leben einfacher und sogar komfortabler gemacht. Das alles ist in der Wissenschaft weitgehend unbestritten, dennoch ist der Handel – und insbesondere der freie Handel – gesellschaftlich in Verruf geraten. Nicht mehr nur auf den […]