Im Paradies ohne Schlange

Beim Rätselraten darüber, wie der Mensch trotz dem Bewusstsein seiner eigenen, unausweichlichen Sterblichkeit munter weiterleben kann, stösst man nicht selten auf den Traum vom Paradies, einen Traum, der einem auch in «Das verborgene Haus» begegnet, in den Texten von Erika Burkart und Ernst Halter sowie den Fotografien von Alois Lang. Wer einigermassen mit dem Werk Erika Burkarts vertraut ist, weiss, dass es sich hier um das «Haus zum Kapf» handelt, das ehemalige Sommerhaus der Äbte des nahegelegenen Klosters Muri im Kanton Aargau, in dem sie aufwuchs und immer noch lebt. Ihr Vater Walter Burkart hatte es um 1920 gekauft, mit dem Erlös der damals sehr gesuchten Reiherfedern, die er von seinen Expeditionen als Jäger im riesigen Sumpfgebiet entlang der paraguayisch-brasilianischen Grenze mitgebracht hatte. Dass er unbedingt den «Kapf» kaufen wollte, obwohl er fast zur Ruine heruntergekommen war, hatte einen Grund: das Haus lag inmitten einer Moorlandschaft. Heute ist das Sumpfgebiet längst melioriert, aber damals muss es wie ein Gran Chaco im Kleinformat ausgesehen haben. Das Haus Kapf prägt auch dieses Buch als ein Ort des Traumes, wobei das Paradies allerdings mehr im Garten als im eigentlichen Haus zu suchen ist. Im Wechselspiel von Wort und Bild wird der langsame Lebensrhythmus des Gartens im Verlauf der Jahreszeiten geschildert. Dort, in Candides bester aller Welten, findet das musische Ehepaar seine Ruhe vor der hektischen Aussenwelt. «Das verborgene Haus» ist ein Buch zum Träumen, es bezaubert mit der einfühlsamen Naturpoesie Erika Burkarts, den magischen Bildern von Alois Lang und den Kurzgeschichten Ernst Halters über die jahrelange Fronarbeit im Garten. Seit Richard Katz’ «Übern Gartenhag» ist in der Literatur der Schweiz kein so schönes Gartenbuch mehr herausgegeben worden. Denjenigen aber, die eher das Prosawerk als die Poesie Erika Burkarts schätzen, ist dieses Buch nicht unbedingt zu empfehlen; dazu ist das Resultat doch zu liebenswürdig. So wie der Vater ausgeblendet bleibt und nicht mit einem einzigen Satz oder Bild auf die vielen Präparate von exotischen Tieren im Haus Kapf hingewiesen wird, so vermisst man die Tragik des an Alkohol kaputtgegangen Walter Burkart. Die Mischung von Traum und Tragik, in der für viele die wahre Kraft der Literatur Erika Burkarts liegt, lässt sich hier nicht finden. In diesem Paradies fehlt die Schlange.

vorgestellt von Jeroen Dewulf, Berkeley

Erika Burkart & Ernst Halter (Texte); Alois Lang (Fotos): «Das verborgene Haus. Zeit und Augenblick». Zürich: Ammann, 2008.

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»