Im Niemandsland

GPS macht unser Leben leichter und komfortabler. Aber: wer nie wissen muss, wo er ist, verliert mehr als nur die Orientierung. Eine Fallstudie.

Im Niemandsland
Nicholas Carr, photographiert von Merrick Chase.

Einige tausend Meilen nördlich von Harvard, im Nunavut-Gebiet des kanadischen Nordens, liegt eine kleine arktische Insel mit dem Namen Iglulik. Im Winter ist sie ein ausserordentlich unwirtlicher Ort: Die Temperatur beträgt meist um die zwanzig Grad unter null, eine dicke Eisschicht bedeckt das Meer rundherum, es bleibt den ganzen Tag über dunkel.

Ungeachtet dieser schwierigen Bedingungen wagen sich die dort lebenden Inuit seit 4000 Jahren aus ihren Behausungen und kämpfen sich – sofern sie Jäger sind – meilenweit durch das Eis und die Tundra, um Karibus zu erlegen. Ihre Fähigkeit, sich zurechtzufinden, ist erstaunlich: Mühelos navigieren sie durch das weite, öde arktische Terrain, in dem es kaum Orientierungshilfen gibt, sich die Schneeformationen ständig ändern und Pfade nicht selten über Nacht einfach verschwinden. Seit der englische Entdecker William Edward Parry 1822 in seinem Tagebuch erstmals die «bewundernswerte Genauigkeit» des geographischen Wissens seiner Inuit-Führer festhielt, sind Reisende wie Wissenschafter gleichermassen beeindruckt davon.

Die Orientierungsfähigkeit der Inuit rührt dabei nicht von einer technologischen Überlegenheit her – im Gegenteil: sie nutzen weder Karten noch den Kompass oder andere Geräte –, sondern von einem ganz besonderen Wissen und einem tiefgehenden Verständnis der hier vorzufindenden Winde, damit einhergehenden Schneeverwehungen, tierischen Verhaltensweisen, Sternen und Strömungen. Die Inuit sind Meister der Wahrnehmung.

Jedenfalls waren sie das bis vor kurzem. Um die Jahrtausendwende veränderte sich ihre Kultur nämlich radikal. Was war geschehen? Im Jahr 2000 hob die US-Regierung die meisten Einschränkungen des zivilen Gebrauchs von GPS auf. Die Exaktheit von GPS-Geräten hat seither stetig zugenommen, während die Preise konstant fielen. Die Iglulik-Jäger, die bereits zuvor Hundeschlitten gegen Motorschlitten ausgetauscht hatten, begannen, sich auf computergenerierte Karten und Richtungsangaben zu verlassen. Besonders die jungen Inuit waren begeistert von der neuen Technologie und setzten sie immer öfter auch ein. Bis dato musste ein junger Mann eine lange und harte Ausbildung durch die Ältesten hinter sich bringen, um jagen zu dürfen. Während vieler Jahre verfeinerte er so seinen Orientierungssinn. Wenn er nun stattdessen ein kostengünstiges Navigationssystem kaufte, konnte er auf das Training verzichten – und die Verantwortung an Geräte delegieren. Aber nicht nur das: auf einmal konnte er sich auch in Wetterlagen hinauswagen, die Jagdausflüge früher verunmöglicht hatten, z.B. in dichtem Nebel. Kurzum: sowohl die Zugänglich- wie Bequemlichkeit als auch die Präzision der automatisierten Navigation liessen die traditionellen Inuit-Techniken plötzlich antiquiert und beschwerlich erscheinen.

 

Technologischer Tunnelblick

Doch je populärer GPS-Geräte unter den Inuit wurden, desto öfter kam es auch zu ernsthaften Jagdunfällen, die in Verletzungen oder tödliche Unfälle mündeten. Die Ursache war rasch ausgemacht: blindes Vertrauen in die Technik. Denn wenn ein GPS-Empfänger den Dienst einstellt, etwa weil seine Batterie einfriert, kann es leicht passieren, dass ein Jäger ohne übliche Ausbildung sich in der eisig-öden Umgebung verirrt. Vom mitteleuropäischen Rucksacktouristen unterscheidet ihn dann nämlich plötzlich nicht mehr allzu viel. Doch selbst wenn sie tadellos funktionieren, bergen GPS-Geräte Gefahren. Die Routen, die auf den Satellitenkarten so akribisch vorgezeichnet sind, sorgen (nicht nur) bei jungen Inuit für einen Tunnelblick: Weil sie nicht auf die Idee kommen, die Anweisungen der Geräte zu hinterfragen, rasen sie über gefährlich dünnes Eis, über Klippen oder auf andere Gefahren zu, die ein erfahrener Navigator quasi intuitiv vermieden hätte.

Der Anthropologe Claudio Aporta von der Carleton-Universität in Ottawa untersucht die Inuit-Jäger seit Jahren. Er berichtet, dass die Satellitennavigation ihnen zwar attraktive Vorteile biete, allerdings bereits zu einem Verlust an Navigationskünsten und einem allgemein weniger gut ausgeprägten Gefühl für die Umgebung geführt habe. Mit anderen Worten: wenn ein Jäger auf einem Schneemobil mit GPS-Ausstattung seine Aufmerksamkeit auf die Instruktionen des Computers lenkt, verliert er seine Umgebung aus den Augen. Er reist, so Aporta, «mit verbundenen Augen». Es ist seiner Meinung…