Im Namen der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit steht in der Wissenschaft hoch im Kurs. Also will die Politik die Welt auf Nachhaltigkeit trimmen. Damit hindert sie den Nachhaltigkeits-Mainstream, sich selbst zu revidieren. Und schadet nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Umwelt.

«Welt im Wandel – Gesellschafts-vertrag für eine Grosse Transformation.» Ein mit diesem Titel geschmücktes Gutachten flatterte vor kurzem den deutschsprachigen Entscheidungsträgern dieser Welt auf den Schreibtisch. Absender ist der «Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen» (WBGU), bestehend aus neun Personen, alle Professoren oder Professorinnen, die an renommierten deutschsprachigen wissenschaftlichen Einrichtungen tätig sind. Die Forschungskapazitäten des mit 17 wissenschaftlichen Mitarbeitern unterstützten Teams sind enorm. Und nicht minder gewichtig ist der Anspruch des Manifests.

Plädiert wird für einen Weltgesellschaftsvertrag, der dazu führen soll, dass die Völker dieser Erde eine «Grosse Transformation» der Verhältnisse zustande bringen. Diese soll nach Aussage des Gutachtens der «neolithischen Revolution» (des Jahrtausende währenden Übergangs zur Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht) und der «industriellen Revolution» des 19. und 20. Jahrhunderts an Tiefe und Umfang nicht nachstehen. Sie soll darüber hinaus und im Gegensatz zu den beiden genannten Vorläufern binnen weniger Jahrzehnte und planmässig zustande kommen.

Bewerkstelligt werden soll diese Transformation durch einen «gestaltenden Staat»; denn der «weiss» kraft der Beratung durch die Wissenschaft, was zu tun ist, um die Welt auf den Weg der Nachhaltigkeit zu führen. Das Prinzip, dass nicht mehr regenerierbare Ressourcen verbraucht werden sollen, als Bestände natürlich nachwachsen, ist heute breit akzeptiert. Aber bei der Frage, wie das Ziel der Nachhaltigkeit erreicht werden soll, droht die Instrumentalisierung im Namen historischer Prozesse.

Gesellschaftsvertrag und Transformation

Bewusst und zitierend greift der Beirat auf zwei Schlüsselbegriffe des sozialphilosophischen Diskurses der vergangenen Jahrhunderte zurück: auf den «Gesellschaftsvertrag» und auf die «Grosse Transformation». Letzterer Begriff wurde geprägt vom ungarisch-österreichischen Ökonomen Karl Polanyi, der damit den Übergang von der alteuropäischen («feudalen») in die moderne bürgerlich-kapitalistische Welt beschrieb. Er schloss seinerseits bewusst an die Marx-Engelssche Analyse des Kommunistischen Manifests an. Dieses hatte in unübertroffener deutscher Prosa das Loblied der bürgerlichen Geschichtsepoche gesungen: «Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche vor allen anderen aus.»

Aber auch der «Gesellschaftsvertrag» wird in bewusstem Anschluss an Rousseau in Anspruch genommen. Dieser hatte mit seinem darauf aufbauenden Gedanken der Volkssouveränität einen wichtigen Einfluss auf die Gestaltung der schweizerischen Verfassungen des 19. Jahrhunderts und die darin verankerte Komponente direkter Demokratie, die, so zeigt die historische Erfahrung, der Schweiz ohne Zweifel nicht geschadet hat.

Indessen ist die Anknüpfung an die geistige Tradition Europas mit diesen beiden Schlüsselbegriffen nicht gedacht als Bestätigung der vorherrschenden Zustände, sondern als Überzeugungsmittel für ein Konzept, das diesen vorherrschenden Zuständen geradezu diametral entgegensteht. Denn, so wird sehr explizit gesagt, es gehe nicht um eine im Geschichtsverlauf evolutorisch fortschreitende «Grosse Transformation» wie die «industrielle Revolution», sondern um das planmässige und sehr rasche Revolutionieren der Zustände im Interesse der Nachhaltigkeit. Da die «Bourgeoisieepoche» die fortdauernde Revolutionierung der Zustände in Richtung immer weiteren wirtschaftlichen Wachstums entwickelt, muss nun der «gestaltende Staat» die Dinge und Entscheidungskompetenzen zentralisieren, um die Welt auf einen Weg der Nachhaltigkeit zu führen. Die planmässige, staatsgeleitete Grosse Transformation ist insofern gerade das Gegenteil des historischen Prozesses, den Marx und Engels und später Karl Polanyi beschrieben haben. Denn dieser schöpfte – und tut es heute immer noch – seine Wucht gerade aus dieser dezentralen Entscheidungsstruktur.

Auch der Begriff des Gesellschaftsvertrags findet sich in einer instrumentalisierten Deutung wieder. Der Gesellschaftsvertrag wird nicht wie in der frühneuzeitlichen Philosophie als eine Ex-Post-Rekonstruk-tion des Staates und des Naturrechts verstanden, sondern als bewusste, in der Zukunft liegende «Aktion» der Menschheit unter der Führung der aufgeklärten wissenschaftlichen Eliten. Ganz entscheidend ist, dass dieser «Vertrag» – der Dringlichkeit…

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