Im Maghreb mit Poesie

Das Fremde ist Material; es fordert Aneignung heraus und gleichzeitig Abstandnehmen. «Wieso ist hier Afrika» fragt eines der Gedichte in Ivo Ledergerbers Lyrikband «Aus dem Maghreb» – eines der Gedichte, die alles in allem wenig Aufhebens von sich machen, aber langsam, ganz langsam in den Leser eingehen. (Die hier ebenfalls gebotene französische Übertragung wirkt allerdings weniger überzeugend und das nicht nur, weil sie diese fragezeichenlose Eingangsfrage schlicht mit «L’Afrique ici» wiedergibt und das nicht gerade nebensächliche «Wieso» unterschlägt.)

Auch Nachdichtungen aus dem Arabischen finden sich unter den Gedichten, etwa eine bewegende Steinhymne. Poetische Bilder aus dem tunesischen Karst; man darf und soll an Karthago denken, an dieses «esse delendam», an dieses Zerstört-Werden-Müssen – die Forderung, die der alte Cato im römischen Senat litaneiartig an jede seiner Reden anhängte. Ginge es darum, das eindrücklichste poetische Bild dieses Bandes zu nennen, so wäre es dieses: «Grell im Morgen/Sahara in der Höhe/auf Wolkendünen/gleitet/der Flugzeugschatten/im Regenbogenring.» (Zugegeben, dieses Bild findet in der französischen Version eine kongeniale Entsprechung: «Matin éblouissant/Sahara sur la hauteur/des dunes de nuages/escortent/l’ombre de l’avion/d’un anneau irisé».) Nicht alle Gedichte Ledergerbers erreichen das poetische Sprachniveau dieser Strophe; aber nahezu alle sind es wert, dass man sich ihnen stellt, abgesehen von der ersten Zeile des Bandes: «Wie wenn’s dich auf den Arsch haut»; eine derartige – pardon – Selbstverarschung der Sprache gehört in den Kindergarten. Als Auftakt für einen solchen (übrigens höchst ansprechend gestalteten) Band eignet sich ein so gesuchter Stilbruch nicht.

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Ivo Ledergerber: «Aus dem Maghreb». Frauenfeld: Waldgut, 2007.

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