Im Leben nach dem Mord

«Ich glaube, es handelt sich um eine einfache Geschichte.» Mit diesem Satz leitet Elisabeth, die Ich-Erzählerin in Mireille Zindels Roman «Irrgast», ihren Bericht ein. Auf einen solchen Beginn folgen unfehlbar Komplikationen – ein Mord. Elisabeth sieht eines Morgens, wie ihr Freund niedergestochen wird: «Da erinnere ich mich, dass ich ihn hatte umbringen wollen. Und ich begreife, dass es dazu für immer zu spät ist.»

An den Täter vermag sie sich nicht zu erinnern, nur an den Anblick von Rücken und Messer, den Geruch von Staub und trockenem Wind. Traumatisierung, meint ihr Psychologe, und dass sie viel Zeit und Ruhe brauche, um wieder an das zu gelangen, was sich viel tiefer in ihrem Gedächtnis verbirgt: das Bild des Täters. Und Zeit hat sie. Durch eine Erbschaft versorgt, gibt sie ihre Arbeit auf und schliesst sich in ihre Wohnung ein. Mal um Mal enttäuscht sie die Polizisten, die auf Informationen hoffen. Der tägliche Spaziergang ist ihre einzige Aktivität.

Am Anfang ist da Leere; doch ist sie nicht neu, denn schon als Elisabeth an jenem fatalen Morgen vor ihre Tür trat, wusste sie nichts mit ihrer Zeit anzufangen. Der Mord scheint der Leere dieses Lebens Sinn zu geben; mehr noch, bald wird das Leben bevölkert. Nicht nur Polizisten interessieren sich für sie, sondern auch Anna, die Elisabeth auf ihren Spaziergängen verfolgt und die sich, trotz anfänglicher Abwehr, in ihrem Tagesablauf zu etablieren weiss.

So entsteht ein kompliziertes Schema von Anziehung und Abstossung, von Aktivität und Passivität, und wird zuletzt auch die Realität mancher Ereignisse und sogar mancher Personen fragwürdig – eine «einfache Geschichte» ist dies nicht. Die Beschreibung ist stets dicht; nie behauptet Zindel einfach Gefühle, stets setzt sie diese in Handlungen oder Wahrnehmungen um. Der kurze Roman ist sprachlich karg, was für ihn spricht; denn es zeigt sich eine selten gewordene Disziplin der Darstellung. Diese Ökonomie der Mittel kann jedoch auch eine Gefahr bedeuten; besonders im ersten Drittel gibt es Passagen, in denen die Abfolge kurzer Sätze den erzählerischen Duktus zerhackt. Ist dies auch durch den Inhalt begründet, so droht hier doch ein Staccato, das die Dinge unverbundener erscheinen lässt als sie tatsächlich sind.

Insgesamt strukturieren wenige Bilderkreise Elisabeths Wahrnehmung und liegt ein Roman vor, der sowohl auf sprachlicher als auch auf metaphorischer Ebene überzeugt; man ist überrascht, hinten im Buch zu lesen, dass «Irrgast» Mireille Zindels erste literarische Publikation ist. Zindel vermeidet sowohl das postmoderne Ungefähr wie die falsche Eindeutigkeit. Ein «Irrgast» etwa ist, wie der Leser lernt, ein Vogel, der durch Stürme oder Desorientierung in Lebensräume gerät, in denen er sonst nicht vorkommt und in denen er vielleicht eine Zeitlang zu überleben vermag, ohne indessen sich paaren zu können. Möwen kommen immer wieder im Buch vor – wer aber der titelgebende «Irrgast» ist, das bleibt ein produktives Rätsel in einem Roman, der seine Leser weit über die bescheidenen 132 Seiten hinaus beschäftigt.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Mireille Zindel: «Irrgast». Zürich: Salis, 2008.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»