Im Kongo

Wer die Berge des Virunga-Nationalparks erklimmt, begegnet wundersamen Riesenpflanzen – und den eigenen Instinkten. Ein Reisebericht.

Im Kongo
Blick vom Wasuwamesu. Photographiert von Florian Rittmeyer.

Eine Pforte ohne Wärter? Das ist in der Demokratischen Republik Kongo die Ausnahme. An jeder Tür, an jeder Schranke, an jeder Ecke steht ein Aufpasser, meist bewaffnet. Hier, auf 3700 Metern über Meer, steht keiner. Und diese Pforte besteht auch bloss aus dem bogenartig geformten Ast eines Heidebaums. Wer unter ihm hindurchgeht, betritt eine Lichtung, von der aus sich ein bizarres Panorama auftut: aus dem Nebel tauchen moosbehangene Riesenbäume auf, ringsum erheben sich Riesenlobelien und meterhohe Senezien, links und rechts spriesst violettes Riesenkreuz, gelbe Wildblumen und allerlei andere Pflanzenkunstwerke. Der Versuch, meinen Begleitern die visuelle Überforderung zu schildern, scheitert an den gewählten Vergleichen: Walt Disney, Alice im Wunderland oder Gulliver in Brodingnag – alles westliche Kulturprodukte, von denen meine drei kongolesischen Begleiter noch nie gehört haben. Der Reisende bleibt Gefangener jener Zivilisation, von der er sich reisend befreien wollte.

Viele kommen in den Virunga-Nationalpark, um frei lebende Gorillas zu bestaunen oder Vulkane zu besteigen. Doch der älteste Nationalpark Afrikas bietet auch Zugang zu einem schneebedeckten Hochgebirge, das auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Kongo und Ugandas liegt. «Montes Lunae» (Mondberge) taufte der antike Geograph Ptolemäus das dritthöchste Gebirge des Kontinents. Während Jahrhunderten gehörten ihre Gletscher zu den bestgehandelten Kandidaten, wenn Abenteurer und Wissenschafter über die Nilquellen spekulierten. Heute wissen wir: der mächtigste Fluss Afrikas speist sich hauptsächlich aus Quellflüssen, die in Burundi und Ruanda entspringen und in den Victoriasee fliessen. Dort landet auch das Schmelzwasser des Rwenzori-Gletschers, das auf seinem Weg ein einzigartiges Ökosystem bewässert. Dauerfeuchtigkeit und Äquatornähe – dies ist der Stoff, aus dem die Pflanzen sind, die ich immer noch staunend betrachte.

Die Luft wird allmählich dünner, als wir uns über hüfthohe Tritte der nächstgelegenen Berghütte nähern. «Weniger reden», sagt Bergführer Esdras eindringlich. Er spricht akzentfreies Französisch. Esdras hatte das Glück, in einem Haushalt aufzuwachsen, den gestandene Europäer wohl «bildungsnah» nennen würden. Dies verhalf ihm zu einem Job. Und der ernährt heute seine Familie mit drei Kindern. Wer Ranger des Virunga-Nationalparks werden will, braucht eine abgeschlossene Schulbildung. Esdras war 19 Jahre alt, als er diese Hürde nahm und sich ausbilden liess. Das war vor 25 Jahren. Damals herrschte Mobutu Sese Soko. Der gerne in Leopardenmütze auftretende Diktator verwaltete als Spielfigur des Kalten Kriegs ein Gebiet, das knapp siebenmal so gross ist wie das heutige Deutschland. Den Nationalpark behandelte Mobutu als Quelle nationalen Prestiges: er erlaubte seinen Rangern, auf jeden zu schiessen, der sich illegal im Lebensraum der Berggorillas aufhielt.

In den letzten 20 Jahren wurde im Ostkongo viel geschossen. Oft auch auf die Wächter des Parks. Seit Ausbruch der kongolesischen Kriege bezahlten 140 Ranger ihren Einsatz im und für den Park mit ihrem Leben. Sie standen jenen Soldaten im Weg, die die dichten Wälder im Süden als Rückzugsgebiet für militärische Operationen nutzten. Unweit der Berggorillas wütete bis vor kurzem eine unter dem Namen M23 bekannte Gruppe. Sie setzte sich aus Rebellen zusammen, die mit ihrer Stellung innerhalb der kongolesischen Armee unzufrieden waren und taten, was sie gewohnt waren: ihre Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen. Im November 2013 haben sie ihre Waffen niedergelegt. Seither leben die Menschen der Kivu-Region unter Aufsicht von knapp 20000 UNO-Soldaten in – fragilem – Frieden.

Nach dreieinhalb Stunden Aufstieg erreichen wir die Kiondo-Hütte. Dort empfängt uns ein Schild mit weisser Schrift auf hellblauem Hintergrund, so wie bei den anderen drei Hütten, die wir in den letzten Tagen passiert hatten: renoviert durch den WWF, finanziert durch die Europäische Union. Mit Ausnahme der kleinen Moraine-Hütte bieten die 1942 gebauten Anlagen auf kongolesischer Seite jeweils zwölf Schlafplätze. Einer davon wurde offensichtlich unlängst von deutschsprachigen Besuchern benutzt: ein unversehrter Aufkleber mit Beschriftung «schmerzlos.at» wirbt hier, auf 4200 Metern…