Im Hexenkessel der Glarner Patrizier

Michael Hauser: «Der Justizmord an Anna Göldi». Zürich: Limmat, 2007.

Unsere Zeit liebt Rekorde. Auch traurige. Deshalb ist Anna Göldi, die letzte Hexe Europas, das namentlich wohl bekannteste Opfer der grimmen Verfolgung, die zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert im Alten Reich und in der Schweiz allgemeinen Schrecken auslöste. Es gehört zu den Vorzügen des weithin beachteten und inzwischen schon in 3. Auflage erschienenen Buches von Walter Hauser, unaufdringlich und nachdrücklich nachzuzeichnen, wie in der engen Gemeinschaft eines Schweizer Kantons ein Hexenprozess benutzt wurde, um anders anscheinend nicht lösbare soziale und politische Konflikte auszutragen. Die überzeugend vorgetragene Grundthese des Buches lautet: Die Magd Anna Göldi wurde 1782 in Glarus das Opfer von Machtkämpfen zwischen Patrizierfamilien, die sich ihrer jahrhundertealten Vormachtstellung nicht mehr sicher sein konnten. Insofern war dieser Prozess ein Vorbote der Französischen Revolution. Gestützt auf unerschütterlichen Standesdünkel und christlich-fundamentalistischen Rigorismus – im Zentrum eine lebensfremde und körperfeindliche Sexualmoral –, wollte eine gefährdete Oberschicht unbeirrt ihren absoluten Führungsanspruch durchsetzen. Demgegenüber ist der angebliche magisch-dämonologische Prozessanlass – der einzige Aspekt, der überhaupt berechtigt, von einem Hexenprozess zu sprechen (die Ankläger mieden dieses Wort peinlich) – eine dürftige Fassade. Wegen einer lächerlichen Ungezogenheit soll die Magd dem Patriziertöchterchen Annamiggeli Tschudy Mittel verabreicht haben, die dieses unter heftigen Anfällen zum wochenlangen Auswürgen von über hundert «Gufen» (Stecknadeln) und anderen metallenen Gebilden gezwungen habe. Die plausible und manchmal auch packende Darstellung des zerbrechlichen sozialen Gefüges und der Ängste der (noch) Herrschenden vor dem Machtverlust, die diese rücksichtslos auch zu äussersten Mitteln greifen lassen, gehört zu den Stärken des Buches. Letztlich kann aber auch Hauser bei aller umsichtigen kulturhistorischen Einbettung dieses Falles keine letztgültige Erklärung finden, warum man sich in Glarus noch zur Zeit der Aufklärung denn ausgerechnet eines Hexenprozesses bediente, um die soziale Hierarchie zu verteidigen.

Trotz seinem Engagement – gerade auch für die Rehabilitierung von Anna Göldi – verzichtet Hauser wohltuend auf naheliegende Emotionalisierungen des Themas. Die fachliche Nutzung des Buches, das teilweise auf eigener Quellenrecherche beruht, wird allerdings durch das Fehlen jeglicher Stellennachweise erschwert. Unkritische Etikettierungen wie «Hexenwahn», «mittelalterlicher Aberglaube» oder «mittelalterlich anmutender Strafprozess» unterschreiten das sonstige Niveau des Buches deutlich. Ebenso die abwegige Behauptung, Martin Luther habe Hexenprozesse zur Durchsetzung der Reformation eingesetzt, obwohl Luthers Ansichten zu diesem Thema nur aus den von anderen zusammengetragenen und postum veröffentlichten Tischreden bekannt sind. Aber das sind Ausrutscher in einem sonst mit Gewinn zu lesenden Buch.

vorgestellt von Michael Mühlenhort, Gütersloh

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