Im Export schlägt Qualität den Preis

Das Schweizer Wohlstandsniveau wäre ohne die vielen kleinen und mittleren Unternehmen nicht denkbar. Dass eine grosse Zahl die Geschäfte im Ausland macht, verblüfft und weckt Fragen. Vor allem in Zeiten der verzerrenden Frankenstärke.

Es ist seltsam: obwohl Unternehmen in der Schweiz durchwegs höhere Löhne bezahlen als jene im Ausland, stechen sie diese mit ihren Produkten und Dienstleistungen oft aus. Die Schweizer Exportwirtschaft ist nicht zuletzt deshalb seit den frühen 90er Jahren der Wachstumsmotor für dieses Land. Ein Ende dieser Entwicklung ist trotz einem ernsthaften Schwächeln in diesem Jahr nicht in Sicht. Frankenstärke, Asienkrise, nichts scheint unsere Wohlstandsmaschine zu stoppen. Man fragt sich: Warum ist das so?

Vorerst lohnt sich ein Blick auf die Geschäftseinheiten selber. Die meisten in der Schweiz gehören zur Klasse der kleinen und mittleren Unternehmen, den sogenannten KMU. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) operiert mit einer Zahl von 320 000 KMU, die Statistiker des Bundes kalkulieren seit jüngst gar mit 500 000 Firmen. Der Unterschied rührt von einem Definitionswechsel her, weil neuerdings eine temporäre Selbständigkeit genügt, um ein kleines Unternehmen zu sein. Damit haben die Statistiker gewissermassen die Öffnung der Skala nach unten vorangetrieben. Nach oben aber ist die Limite eindeutig: Wer bis zu 249 Vollzeitstellen-Äquivalente beschäftigt, gehört zu den KMU, wer eines mehr verzeichnet, ist schon gross.

Egal, welche Definition man wählt, man darf davon ausgehen, dass rund drei Millionen Erwerbstätige hierzulande in einem kleinen oder mittleren Unternehmen arbeiten. Sie entsprechen zwei Dritteln aller Mitarbeitenden im Land, und sie sorgen für rund sechzig Prozent der Wertschöpfung. Wobei dies eine Schätzung eines erfahrenen Mannes ist. Henrik Schneider, Chefökonom im Schweizerischen Gewerbeverband sgv, nennt sie im Gespräch. Seine Basisgleichung ist so einfach wie bewährt: Ein Drittel der Unternehmen in der Schweiz sind gross, ein Drittel staatlich oder staatsnah, ein Drittel die besprochenen KMU. Diese Dreiteilung wird durch alle Spezialisten gestützt.

Im Schweizerischen Gewerbeverband sind derzeit rund 260 000 aller KMU vereint. Sie sind besonders aktiv, wenn es sich um das Geschäft mit dem oder im Ausland dreht. Der sgv wisse, dass jedes dritte Schweizer kleine oder mittlere Unternehmen mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Exportbereich generiere. Diese Erkenntnis hat Henrik Schneider aus einer eigens durchgeführten Befragung gewonnen. Weitere Fingerzeige: ein Drittel der KMU bestreitet zehn bis fünfzig Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Nur ein Drittel der Befragten gibt an, null bis maximal zehn Prozent des Umsatzes ausserhalb der Schweiz zu realisieren.

Mit dieser beeindruckenden Zahl nähern wir uns der Eingangsfrage. Warum sind Schweizer KMU so extensiv im Ausland tätig und schlagen mit ihren Produkten und Dienstleistungen trotz erwiesenen, höheren Lohnkosten die ausländischen Konkurrenten?

 

Nicht alles auf die Karte China gesetzt

Die Economic-Research-Abteilung der Credit Suisse gibt in ihrer zusammen mit Switzerland Global Enterprise (S-GE) regelmässig erstellten Studie über Erfolgsfaktoren von Schweizer KMU1 einen Hinweis. Es gelingt ihr, in einem Mehrjahresvergleich aufzuzeigen, dass die Schweizer KMU trotz steigender Preise vor allem dank hochqualitativen Spitzenprodukten mehr exportieren. Kurz gefasst heisst dies: Die Schweiz weicht dem erbarmungslosen globalen Preiskampf aus, indem sie bessere Qualität liefert als andere oder aber indem sie den ihr vorauseilenden, entsprechenden Ruf stets von neuem zu bestätigen vermag. Qualität subsumiert die technischen Anforderungen an das Produkt, die Erwartungen der Kunden an Service, Nutzen und Produkt, die Pünktlichkeit und nicht zuletzt die persönliche Beziehung des Kunden zum Produkt oder zum Produzenten (oder zur Schweiz als Marke des Herstellers selber). Erfreulich dabei ist zweierlei. Einerseits, dass die KMU offenbar ihre Innovationsbestrebungen zur Erreichung einer überlegenen Qualität hochhalten. Andererseits, dass die Produzenten oder Dienstleister keineswegs alles auf die Karte China setzen, sondern gemäss aktueller Befragungen Europa als beinahe ebenso wichtigen, künftigen Expansionsmarkt sehen2.

Das ist eine gesunde Risikoverteilung und eine gute Botschaft, vor allem in einem Jahr wie diesem, in dem sich die Erkenntnis durchsetzt, dass nicht alles zu hundertprozentiger Sicherheit künftiges Gold ist, was in China erarbeitet wird. Unwägbarkeiten (gerade in Finanzmärkten)…