Im Bilderbuch als Arbeitsloser

Lydia Zeller (Text) und Monika Maslowska (Illustration): «Suche Arbeit für Papa». Zürich: Bajazzo, 2008.

Kinderbuchwelten sind magische Welten. Kreativität, Phantasie und Liebe zu Sprache und Bild sind dort zu Hause. Und so macht Kinderliteratur auch neugierig: auf die Welt der Bücher, auf die Welt in einem selbst und, nicht zuletzt, auf die Welt draussen. Doch während das Träumen, das Erfinden und Verzaubern im Bilderbuch seit je gang und gäbe ist, kommt der Darstellung sozialer Realitäten, jener «Welt da draussen», kaum Bedeutung zu. Dabei sind es gerade die Fragen des Alltags, die Kinder beschäftigen. Avancierte Publikationen, wie Armin Greders «Die Insel» zum Thema Fremdenfeindlichkeit, Wolf Erlbruchs «Ente, Tod und Tulpe» oder Jens Thieles «Jo im roten Kleid», die mit Scherenschnitten kongenial illustrierte Geschichte eines Coming-out, sind dennoch eher an den Rändern als im Zentrum des kandierten Kinderbuchkosmos zu finden. Immerhin: es gibt sie, die kleinen Schritte, die die Vermählung der Welten vorantreiben. Mit dem im Zürcher Bajazzo-Verlag erschienenen «Suche Arbeit für Papa» von Lydia Zeller (Text) und Monika Maslowska (Illustration) ist nun auch das Prekariat im Bilderbuch angekommen. Und siehe da, diese vermeintlich seltsame Hochzeit funktioniert vorzüglich.

Der Papa, um den es hier geht, ist arbeitslos. Früher hat er Autos lackiert, jetzt sitzt er bloss herum und meckert, wird leicht wütend und geht allen auf die Nerven. Grund genug für den kleinen Oskar, etwas gegen diesen Zustand zu tun. Sein an einen Baum gepinnter Zettel «Suche Arbeit für Papa. Er kann es super mit Autos!» zeitigt zwar zunächst nur einen Wutanfall des Vaters, aber eben auch den Anruf eines Nachbarn, an dessen Auto «irgendwas kaputt» ist. Papa repariert den Motor, entschliesst sich zu aktiver Arbeitssuche und nimmt Oskar in die Arme. Der Text schildert Oskar als subtilen, scheinbar naiven Widerständler. Dabei nennt er die Dinge auch beim Namen, ohne sie ins Schauerliche zu ziehen: der Vater «schimpft fürchterlich» und «brüllt», ist «ungeduldig»; wenn er mal bei Oskars Schulaufgaben helfen soll, sagt, er sei «doch kein Pantoffelheld» und man traut ihm schon zu, jemandem eine «runterzuhauen». Dennoch ist der Text nicht bleischwer und erdrückend. Dafür sorgt der unaufdringliche Humor ebenso wie der Verzicht auf eine schulmeisterliche Moral – und am Ende versöhnt der hoffnungsvolle Ausblick, der eben kein kitschiges Happyend ist, auch für die bisweilen gespürte Kalkuliertheit des Textes.

Besonders delikat gestaltet sich bei realitätsnahen Kinderbüchern die Aufgabe der Illustratoren. Einerseits sollte ja der Stimmung des Texts entsprochen, andererseits die kindliche Schaulust nicht enttäuscht werden. Dieser Spagat gelingt Monika Maslowska glänzend, mit einem Stil, den man so im Kinderbuch noch kaum gesehen hat. Ihre ausdrucksstarken Bilder, für die sie kein glattes, sondern strukturiertes Papier wählt und die so rauh wirken wie der Stoppelbart des antriebslosen Papas, sind grossflächig und reduziert, vernachlässigen aber trotzdem nicht jene Details, die Bilderbücher zu Seherlebnissen machen. Schön, wie nach Papas Wutanfall zwar ein zerbrochener Teller am Boden liegt, aber der Kaktus bereits eine Knospe trägt (die im letzten Bild auch aufblüht). Beeindruckend, wie mit hellen und dunklen Tönen, mit Licht und Schatten Atmosphäre erzeugt wird, wie die Innen- und Aussenräume zueinander in Beziehung gesetzt werden und wie variierende Perspektiven und Raumkompositionen zum genauen Hinsehen einladen. Erfrischend die Figuren, die ohne gefühlige Niedlichkeiten auskommen und dennoch einzunehmen vermögen (Oskar verpasst seinem Vater ein «Ausser Betrieb»-Schild, bald darauf ist Papa glatt rasiert, pfeift beim Staubsaugen). So wie in «Suche Arbeit für Papa» könnten aus peripheren Bereichen eines Genres, nämlich der Darstellung sozialrelevanter Realität, durchaus Traditionen werden. Ein Kinderbuch als Schau- und Gesprächsanlass für alle Generationen – ein Glücksfall.

vorgestellt von Jens Nicklas, Innsbruck

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»