Ihr Steak ist eine Simulation

Die steile These des Monats

 

Vor gut 20 Jahren kam der Film «Matrix» in die Kinos. Die Welt ist darin eine Computersimulation, der Ausweg daraus nur durch das Schlucken einer roten Pille möglich.

Die Frage nach der Echtheit der Realität ist uralt, schon Platon hat uns unterstellt, dass wir tanzende Schatten an einer Höhlenwand für die Realität selbst halten. Die «radikalen Konstruktivisten» unter den Philosophen führen seitdem den Denkfaden weiter. Nur eine hübsche Theorie für ein Philosophieseminar und für Menschen, die nichts Besseres zu tun haben?

Nun, vor einiger Zeit hat Rizwan Virk, Professor am MIT der Harvard University, diese Theorie mit einem eigenen Modell gestützt. Es gibt nun immerhin eine wissenschaftliche Restwahrscheinlichkeit, dass alles um uns herum eine Art Theaterkulisse ist – und eine höhere Spezies vielleicht jedes Mal lacht, wenn wir beim morgendlichen Kaffee wieder mal den Salz- mit dem Zuckerstreuer verwechseln.

Aber hey, der Simulationsgedanke hat im Alltag auch seine Vorteile. Er lehrt Distanz und stoische Duldsamkeit. Tritt man in einen Hundehaufen, kann man sich immerhin mit der Erkenntnis trösten, dass dieser nur aus Pixeln besteht und «die da oben» das mit dem Geruch inzwischen auch schon ganz gut hinbekommen.

Das Gedankenmodell ist aber noch aus einem anderen Grund interessant: Dafür, dass wir in den rationalsten Zeiten ever leben, haben wir täglich mit Fiktionen zu tun, die wir uns nicht auferlegt haben, aber auch nicht hinterfragen. «Zeit ist Geld» wird schon Kindern beigebracht, doch wer von uns kann erklären, was Zeit und Geld genau sind?

In «Matrix» gibt es die Figur «Cypher», der aus der realen Welt wieder zurück in die Scheinwelt der Matrix flieht. Er will halt mal wieder in ein blutiges Steak beissen, auch wenn es nur simuliert ist. Damit sind wir bei Woody Allen, der bekanntlich wusste: «Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, an dem du ein ordentliches Steak bekommst.» Egal was Sie glauben, wollen sie etwas von der simulierten BBQ-Sauce dazu?

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»