«Ihr glücklichen Schweizer!»

Russland und die Schweiz – in einem seit Jahrhunderten währenden Kulturaustausch haben sich beide Länder gegenseitig stärker beeinflusst, als gemeinhin angenommen wird.

Die ersten Kontakte zwischen der Schweiz und dem Russischen Reich kamen lange vor dem Wiener Kongress von 1815 zustande. Bereits im Jahre 1687 nahmen die Republik Genf und die Moskauer Kanzlei für auswärtige Angelegenheiten offizielle Beziehungen auf, indem die Regierung Genfs und Zar Iwan V. Gesandte austauschten. Damit bezeugte die Genfer Regierung ihre Dankbarkeit dafür, dass ihr Landsmann François Le Fort unter Peter I. zum ersten russischen Admiral ernannt worden war.

In der Literatur war die gegenseitige Beeinflussung intensiv. Im 18. Jahrhundert weckten drei Autoren die Aufmerksamkeit der Russen an der Confœderatio Helvetica: der Berner Mediziner und Dichter Albrecht von Haller mit seinem berühmten Gedicht «Die Alpen», der Zürcher Dichter, Maler und Grafiker Salomon Gessner mit seinen «Idyllen» sowie Jean-Jacques Rousseau mit seinem Gesamtwerk. Nicht nur die Schönheit der Schweizer Natur, sondern auch das einzigartige demokratische politische System der Schweiz interessierte die russische Leserschaft. Ebenfalls im 18. Jahrhundert würdigte der russische Schriftsteller und Historiker Nikolaj Karamsin in seinem Werk «Briefe eines russischen Reisenden», das 1791/92 in Russland erschien, die verschiedenen Stationen seiner Reise durch die Schweiz bis ins kleinste Detail. Seine «Briefe» dienten später als eine Art Reiseführer für die russischen Adelstouristen. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen: «Als ich von Basel etwa zwei Werst zurückgelegt hatte, sprang ich aus der Kutsche, liess mich am blumenumrankten Rheinufer zur Erde fallen und küsste sie voller Entzücken. Ihr glücklichen Schweizer! Ihr, die in der Geborgenheit der liebreizenden Natur, unter gemeinschaftsstiftenden Gesetzen und in der Einfachheit der Sitten lebt und einzig und allein Gott dient – dankt ihr wirklich dem Himmel jeden Tag und jede Stunde für euer Glück?»

Solche Berichte sorgten für ein gutes Image der Schweiz und lockten viele prominente Russen in die Eidgenossenschaft. Das Personenregister des Buches «Die russische Schweiz. Ein literatisch-historischer Reiseführer» von Michail Schischkin umfasst über 380 bedeutende Russen, die in Verbindung zur Schweiz standen. Darunter befinden sich unter anderen Fjodor Dostojewskij, Nikolaj Gogol, Pjotr Tschajkowsky, Wladimir Nabokov, Leo Tolstoi, Michajl Bakunin, Wladimir Lenin und Alexander Solschenizyn.

Aber die Russen kamen nicht nur als Touristen, sondern auch um hier zu studieren. Die schweizerische Volkszählung erfasste 1910 insgesamt 8458 Ausländer aus dem «Europäischen Russland». Seit den 1860er Jahren immatrikulierten sich an Schweizer Universitäten zahlreiche russische Studenten und besonders auch Studentinnen, denen in der Heimat vergleichbare Ausbildungschancen fehlten. Die erste russische Studentenkolonie wurde in Zürich um das Jahr 1864 von jungen Russen gebildet, die zuvor in Heidelberg studiert hatten. Die 23jährige Russin Nadeschda Suslowa promovierte an der Universität Zürich als erste Frau in Medizin; Dutzende junger Russinnen wollten ihrem Beispiel nacheifern. 1872/73 waren an der Universität Zürich 109 junge russische Frauen immatrikuliert, was 95 Prozent der Zürcher Studentinnen ausmachte.

Die russische Studentenkolonie stand unter dem starken Einfluss Pjotr Lawrows – eines Vertreters der vormarxistischen sozialrevolutionären Bewegung – und Michajl Bakunins – eines der berühmtesten russischen Anarchisten und Sozialrevolutionäre –, die sich damals in der Schweiz aufhielten. Die revolutionären und anarchistischen Ideen verbreiteten sich unter allen russischen Studierenden in der Limmatstadt. Die Reaktion der beunruhigten russischen Regierung war gnadenlos: alle russischen Studierenden wurden 1873 aufgefordert, die Stadt Zürich bis Ende Jahr zu verlassen und nach Russland zurückzukehren.

Viele kehrten tatsächlich in ihre Heimat zurück und setzten sich aktiv für die Verbreitung revolutionärer Ideen ein. Michail Schischkin stellte in seinem bereits erwähnten Buch fest, dass von 126 russischen Studentinnen, die zwischen 1867 und 1873 an der Universität Zürich immatrikuliert waren, 77 im «Biographischen Lexikon der russischen revolutionären Bewegung» wieder erscheinen. Darunter war auch Wera Figner, eine Revolutionärin adeliger Herkunft, die an Vorbereitungen des Attentats auf Alexander II. beteiligt war und dafür zu 20 Jahren Festungshaft verurteilt wurde.

Die Schweiz zog jedoch nicht…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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