Identität: Wer bin ich und wo gehöre ich dazu?

Grosse Veränderungen im Leben – Wahl des Berufs, der Freundschaften, Lebenspartner und -partnerinnen, des Wohnorts – entscheiden wir aufgrund der Kenntnis unseres Selbst, unserer Identität. Die klassischen Fragen rund um Identität sind: Wer bin ich, woher komme ich und wohin will ich in und mit dieser Gesellschaft? Auch alltägliche Belange wie die Wahl von Kleidern, Freizeitbeschäftigung, Wohnungseinrichtung und politische Abstimmungsparolen verlangen Entscheidungen, womit ich mich identifiziere, was ich als zugehörig zu meiner Person erachte, zu welchen sozialen Gruppen ich gehören will. Wer meint, sich zu kennen – das eigene Selbst – und um die Wünsche und Ziele zu wissen, hat es leichter als jene, die ihre Identität und Wege ständig suchen und hinterfragen.

Selbstbewusstsein haben oder gewinnen, sich selbst verwirklichen und optimieren – das sind moderne, auf die Zukunft ausgerichtete Versprechungen, die haufenweise auf dem Büchermarkt, in Weiterbildungen und mit anderen Konsumgütern angeboten werden. Angebote, das Selbstbewusstsein zu stärken, orientieren sich aber nicht nur an der Zukunft, sondern auch an Vergangenheiten: Ich werde daran erinnert, zur Nation X zu gehören, zu dieser oder jener Sippe, Gruppe oder Minderheit. Das Erinnern an verschiedenartige Herkunft in der eigenen Vergangenheit eröffnet einen inneren Dialog: Wie will ich mich aufgrund dieser früher durchlebten sozialen Zugehörigkeit auch gegenwärtig oder zukünftig solidarisieren oder abgrenzen? Wo ist meine Position, meine Geschichte in dieser Gruppe? Beide Schienen von Identität – sich zukunftsgerichtet mit bestimmten Wünschen zu identifizieren und sich aufgrund des Erinnerns an vergangene Zugehörigkeit zu engagieren oder abzugrenzen – sind hochemotional. Beide betreffen die personale und zugleich soziale oder kollektive Identität.

Identität und Emotion

Die einflussreichste Emotion im Hinblick auf die Identität ist das Gefühl der sozialen Zugehörigkeit, ganz einfach deshalb, weil wir Menschen soziale Wesen sind und erst durch die Kommunikation mit anderen eine eigene Identität entwickeln können. Die zuerst als zwischenmenschlich erfahrene Kommunikation wird in das Selbst integriert und in der Form als verinnerlichter Dialog beibehalten.1 Zur sozialen Zugehörigkeit ist ein zweites, wichtiges Merkmal von Identität hervorzuheben: die Abgrenzung oder Unterscheidung des Selbst von den anderen. Jeder Mensch beginnt, sich selbst zu erkennen, indem er Unterschiede zu anderen feststellt. Dies macht uns als Person einmalig. Lange bevor Kinder sich im Spiegel selbst erkennen und von sich mit «Ich» sprechen und nicht mehr mit dem eigenen Vornamen – etwa mit zwei Jahren –, haben sie sich von anderen zu unterscheiden gelernt. Dies geschieht zunächst ohne sprachliche Mittel.

Auch Gruppen markieren ihre Identität, indem sie nach innen Zusammengehörigkeit pflegen und sich nach aussen abgrenzen. Beide Bestandteile von Identität – das Zugehörigkeitsgefühl wie auch das Unterscheiden und Abgrenzen – sind formbar: Selbst wo harte Fakten wie biologische Marker zur Identitätsfestlegung verwendet werden, wie beispielsweise durch die Haut- und Haarfarbe, zeigen gerade jüngste Diskussionen um das biologische Geschlecht, dass das Zuordnen doch nicht so eindeutig ist.

Die Formbarkeit von personaler und kollektiver Identität ist natürlich ein Einfallstor für Beeinflussungen aller Art. Das Spannende und ewig Herausfordernde liegt darin, dass die inneren und äusseren Einflüsse schwerlich dem Bewusstsein zugänglich sind. Das bedeutet, dass wir immer wieder Täuschungen ausgesetzt sind, während wir uns bemühen zu glauben, eigenständig, vernünftig oder gar rational unsere Handlungen zu gestalten und zu entscheiden. Selbst wenn wir meinen, mit uns selbst ehrlich und im Reinen und «ganz bei uns» zu sein, sind dies doch nur Augenblicke zwischen vielseitigen und wiederkehrenden inneren und äusseren Widersprüchen und Ambivalenzen, die wir durch ein Aushandeln verschiedener Standpunkte zu Zielen, Wünschen und Normen aufzulösen oder zu verschieben versuchen.

Die Formbarkeit der kulturellen Identität

Die Formbarkeit der personalen und kulturellen Identität zeigt sich am deutlichsten in der frühkindlichen Entwicklung, die die prägendste Phase unseres Selbst ist. Im Vergleich zu den Säugetieren…

Stammestriebe
Ivo Scherrer, photographiert von Lukas Rühli.
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Politiker appellieren gerne an Gruppeninstinkte, um Stimmen zu fangen. Dieser Tribalismus erschwert den Diskurs zwischen unterschiedlichen Interessen. Wie könnte eine humane Identitätspolitik aussehen?