Identität und Geographie: kein gutes Paar

In vielen Ecken Europas sind sezessionistische Bewegungen erfolgreich. Aus dem nachvollziehbaren Wunsch nach mehr politischer Eigenverantwortung wird dabei oft ein gefährliches Wettrennen nach Homogenität und Gleichmacherei. Ein Blick auf drei Epizentren des Sezessionismus.

Identität und Geographie: kein gutes Paar
Erik Jones, zvg.

Der Aufschwung sezessionistischer Bewegungen in Europa hält nun beinahe zehn Jahre an. Er begann im Westen des Kontinents mit den belgischen Wahlen 2010, wo die Neuflämische Allianz zur grössten Partei des Landes wurde; im Osten sekundiert wurde er mit der russischen Invasion und Teilung Georgiens. Flamen, Abchasen und Südossetier drängen sich für eine vergleichende Analyse zwar nicht auf den ersten Blick auf, sie haben aber auf den zweiten Blick einiges gemeinsam – ebenso wie die Schotten, die Katalanen und die Russischsprachigen auf der Krim und im Donezbecken.

Und zwar ist das – in groben Zügen – ein politisches Narrativ, das die Berufung auf eine bestimmte Identität mit einem geographischen Anspruch verbindet: Das sind wir, und das ist unser Platz! An dieser Kombination ist wenig Neues, sie ist eines der ältesten politischen Narrative1, und Bemühungen, seinen Schaden zu begrenzen, haben einen Grossteil der europäischen Geschichte geprägt. Die Versuche, die deutschen Völker während des Zweiten Weltkriegs zu vereinen, sind ein Beispiel, die ethnischen Säuberungen in den ehemaligen jugoslawischen Republiken ein anderes. Es waren blutige, schmerzhafte Erfahrungen. Das Pro­blem an diesem Narrativ ist der inhärente Unwille zur Inklusion: Wer sagt: «Das ist unser Platz», der impliziert damit auch: «Das ist nicht euer Platz – ihr seid hier maximal geduldet, aber eigentlich nicht gleichberechtigt willkommen.» Das Ziel eines Nationalstaates kann nicht maximale ethnische (oder ökonomische, soziale usw.) Homogenität sein, denn dieser Anspruch würde – auch im unrealistischen Fall, dass er sich gewaltfrei durchsetzen liesse – zu Spaltungen in beliebig kleine Einheiten führen. Nationalstaaten zweckmässiger Grösse müssen stattdessen auf Inklusion bauen und Unterschiede produktiv nutzen.

Zeitgenössische Politiker, die den Anspruch auf Identität und Geographie miteinander verbinden wollen, sollten dies also (wenn überhaupt) mit Vorsicht tun. Der Prozess der Sezession ist nicht immer gefährlich, aber er ist schwer zu bewältigen, wenn nicht alle Seiten ihren klaren Willen dazu äussern. Eine friedliche Trennung, wie sie zwischen der Slowakei und der Tschechischen Republik stattgefunden hat, ist die Ausnahme dieser Regel. Wo keine gemeinsamen Motivationen existieren, wo Familien getrennt werden und wo wirtschaftliche Beziehungen nicht leicht zu entwirren sind, ist die Gefahr gross, dass der Konflikt in Gewalt mündet.

Mir scheint: die politischen Verantwortungsträger unserer Zeit sind sich der Macht der Kräfte, die sie entfesseln, nicht bewusst. Politische Identitäten ziehen Groll magisch an, indem sie an vergangene Ungerechtigkeiten erinnern, die dann in Form von Feindseligkeit und Misstrauen auf die gegenwärtigen Generationen projiziert werden. Dies gilt besonders bei sezessionistischen Bewegungen, bei denen sich auf eine bestimmte Identität berufende Gruppen mit einem bestimmten geographischen Anspruch versuchen, sich den – gemäss eigener Darstellung – «Raubzügen» oder Ungerechtigkeiten einer grösseren politischen Einheit zu entziehen. Das jüngste Trauma der Referendumskampagne im Vereinigten Königreich ist insofern relativ aussergewöhnlich, als es sich um eine souveräne Nation handelte, die eine supranationale Regelung verlassen wollte; die Krise in Katalonien verkörpert das allgemeine Problem besser.

Unerklärbare Schweiz

Glücklicherweise lassen sich die Bindungen der Bürger zu grösseren politischen Systemen oder Marktwirtschaften nicht so einfach durch Mobilisierungsversuche der Politiker lockern. Die Schweiz ist ein bemerkenswertes Beispiel für diese Stabilität. Obwohl sie vier Sprachgemeinschaften beherbergt, die sich in relativ diskreten und identifizierbaren geographischen Räumen konzentrieren, ist sie nicht anfällig für Sezessionismus. Populistische Politiker mögen die Wähler zum Beispiel gegen die Einwanderung mobilisieren, aber das führt nicht zu einer verstärkten Spaltung der Schweizer Sprachgemeinschaften, sondern zu einer Spaltung zwischen den In- und den teilweise den gleichen Sprachgemeinschaften angehörenden Ausländern. Diese Situation in der Schweiz ist so beispiellos, dass unter den Forschern kein Konsens besteht, was das Land zusammenhält. Haben sich die Schweizer zu einer einzigartigen Form des multikulturellen Nationalismus entwickelt? Haben sie den Nationalismus ganz aufgegeben? Oder haben sie eine nationale Identität…

Stammestriebe
Ivo Scherrer, photographiert von Lukas Rühli.
Stammestriebe

Politiker appellieren gerne an Gruppeninstinkte, um Stimmen zu fangen. 
Dieser Tribalismus erschwert den Diskurs zwischen unterschiedlichen Interessen. 
Wie könnte eine humane Identitätspolitik aussehen?