Ich zweifle, also hoffe ich!

Versuch einer Einordnung des weltwirtschaftlichen Geschehens. Und eine persönliche Betrachtung.

Ich zweifle, also hoffe ich!
Kaspar Villiger, photographiert von Philipp Baer.

Während über fünfundvierzig Jahren trug ich in Wirtschaft und Politik Verantwortung. Ich erlebte Aufschwünge, Abschwünge, Euphorien, Krisen, Stagnationen, Aufstiege und Abstiege, und so richtig einfach war es eigentlich nie. Heute allerdings hat man den Eindruck, die Dinge seien besonders kompliziert und verworren und überforderten zusehends die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Die Halbwertszeit vermeintlich gesicherter Erkenntnisse nimmt kontinuierlich ab. In solcher Zeit steigt das Bedürfnis nach einer Standortbestimmung.

Nachdem ich nicht mehr in die Hektik von Tagesgeschäften verstrickt bin, habe ich versucht, die gewonnene Distanz zum täglichen Geschehen zu nutzen und nach jenen Triebkräften zu suchen, die das künftige weltwirtschaftliche Geschehen langfristig beeinflussen könnten. Dabei bin ich zusammengefasst zu fünf Ergebnissen gekommen, die ich im folgenden begründen möchte. Weil die fundamentalen Probleme, die angesichts der kurzfristigen Schwankungen der Stimmung in Politik und Wirtschaft oft verdrängt werden, alles andere als gelöst sind, sehe ich der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung vor allem der Industrieländer mit einiger Besorgnis entgegen. Chaostheorie und Erfahrung lehren uns allerdings, dass komplexe Systeme wie die Weltwirtschaft plötzliche heftige und unvorhersehbare Reaktionen entwickeln können. Alles kann immer auch ganz anders kommen, als man denkt, manchmal sogar besser. Hoffen wir’s!

Erstens spricht vieles dafür, dass die Finanzkrise noch nicht ausgestanden ist und dass – politischer Schönwetterrhetorik zum Trotz – der Weg zurück zu einem nachhaltigen Wachstum vor allem der Industrieländer lang und steinig sein wird.

Zweitens ist die gewaltige Flutung der Märkte mit frisch geschöpftem Geld zwar schmerzlindernd. Die Aktienmärkte boomten im Jahre 2013, die Finanzmärkte haben sich beruhigt und die Risiken des Auseinanderbrechens der Eurozone und eines weltweit synchronen Abschwunges sind kleiner geworden. Die strukturellen Probleme sind jedoch alles andere als gelöst, und die Nebenwirkungen können derart intensiv werden, dass sie den Patienten stärker bedrohen als die ursprüngliche Krankheit. Zu erwarten ist eine schleichende, aber gigantische Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern, eine Enteignung einfacher, ehrlicher Sparer und eine Minderung des Wohlstands breiter Bevölkerungsschichten. Pensionskassen werden enteignet, und durch zu billige Kredite verursachte Fehlallokationen werden zu strukturellen Verwerfungen ganzer Volkswirtschaften und zu neuen Blasen führen. Der Druck auf die Politiker zu den notwendigen strukturellen Reformen lässt derweil nach.

Drittens opfert die Europäische Union zentrale historische Stärken Europas und läuft Gefahr, dass der Wirtschaftsstandort gegenüber Asien und den USA langfristig ins Hintertreffen gerät. Wegen der zu erwartenden wirtschaftlichen Schwäche rückt auch das Ziel, ein wichtiger politischer Mitspieler in der Welt zu werden, in weite Ferne.

Viertens ist die beliebte These zu einfach, wonach die Krise allein auf masslos gierige Banker zurückzuführen sei. Die eigentlichen Ursachen der Krise sind vielmehr in der politischen Arena zu orten. Von fehlbaren Regierungen und Behörden nun plötzlich alles Heil zu erwarten, ist ein gefährlicher Trugschluss.

Fünftens haben die Märkte nicht versagt, sondern sie sind logisch falschen institutionellen Anreizen gefolgt. Deshalb ist die beliebte These zu simpel, die Märkte müssten gebändigt werden und der Primat der Politik sei wieder herzustellen. Im Gegenteil – solches Denken droht die Krise zu verstetigen.

1. Risiken der Weltwirtschaft

Die Welt ist in ein komplexes Geflecht aus politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Krisen verstrickt. Jede einzelne davon wäre schon schwer genug zu bewältigen, aber in Kombination stellen sie eine enorme Herausforderung dar. Ich will indessen die politischen Krisenherde ausklammern und mich auf die wirtschaftspolitischen Fragen beschränken, obwohl mir bewusst ist, dass zwischen den beiden komplizierte Wechselwirkungen bestehen.

Ich sehe vier wesentliche Faktoren, welche die weltwirtschaftliche Entwicklung belasten: erstens die Anfechtung der Marktwirtschaft im Nachgang zur Finanzkrise und die sich daraus ergebende Tendenz zur Überregulierung; zweitens die demographischen Veränderungen in wichtigen Ländern; drittens der neu aufkeimende Protektionismus und schliesslich viertens die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken, von der weder die Wissenschaft noch die Politik genau…

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