Interview Teil 1:
«Ich wollte Politiker werden»

Sein Vater hat ihn gesiezt. Im ersten Teil unserer Interview-Reihe berichtet Anthony de Jasay von seiner Kindheit in Ungarn.

Sie tasten sich sorgfältig an die gefüllte Teetasse heran. Wie geht es Ihren Augen?

Das Sehvermögen nimmt allmählich ab. Ich habe zwei Lupen. Die kleinere davon trage ich stets auf mir, die andere liegt im Arbeitszimmer und ist lichtverstärkt. Damit kann ich gerade noch die Titel der «Financial Times» lesen – obschon sie leider auch dort immer kostengünstiger und mit einem Minimum an Schwärze drucken. Ich markiere die wichtigsten Titel, meine Frau liest dann vor. Schreiben geht besser als Lesen, auch dank einer vergrösserten Tastatur. Ich höre viel Radio und bleibe so relativ gut informiert.

Welche Sender hören Sie?

BBC und den französischen Sender Europe 1.

Wie kommt es, dass ein Autor Ihrer liberalen Grundausrichtung – eine Ihrer Aufsatzsammlungen trägt den Titel «Against Politics» – ausgerechnet in Frankreich lebt?

Eine gute Frage; die Berührung mit dem öffentlichen Raum dieses Landes gehört in der Tat zu den schmerzvolleren Erfahrungen meines Lebens. Ungarn, Österreich, Australien, England: ich bin ein bisschen herumgekommen, habe in Ungarn, Österreich, Australien und England gelebt. Auch im Quervergleich ist der öffentliche Raum Frankreichs, ist die Mentalität der französischen Elite wenig sympathisch. Was soll’s. Abseits des öffentlichen Raums lässt es sich gut aushalten. Hier lebe ich mehr oder weniger isoliert, treffe weder hohe Beamte noch Politiker. Aber warum Frankreich? Zufall und Umstände, würde ich sagen. Zu Beginn der 1960er Jahre hatte ich keine permanente Anstellung in Oxford. Hinzu kam, dass meine erste Frau sich dort weniger wohl fühlte und nach Frankreich ziehen wollte. Und so geschah es denn, dass wir 1962 nach Paris wechselten.

Lassen Sie uns vorne beginnen. Sie wurden in Ungarn geboren, der Name Ihrer Familie schrieb sich dort mit einem z?

Jaszay, das ist richtig. Der Name ist abgeleitet von der kleinen Stadt Jászó, die bis zum 16. Jahrhundert der Familie gehörte und dann vom König einem religiösen Orden übergeben wurde.

Jaszay – ein adliges Geschlecht?

Nein. Keine Titel, keine Aristokratie, sondern landed gentry. Meine Eltern waren die Gutsherren der Gegend, ihr Gut umfasste rund 800 Hektar fruchtbares Land und beschäftigte 40 Familien. Wir hatten Tiere, viele Tiere: Pferde, Kühe, Schweine – Schweine, die manchmal an Pest starben und dann von Zigeunern verzehrt wurden, ohne dass einer von ihnen je zu Schaden gekommen wäre.

Hatten Sie Geschwister?

Ja, einen Bruder und zwei Schwestern; ich war das jüngste von vier Kindern. Die anderen konnten besser reiten, also gab ich jeweils vor, Reiten nicht wirklich zu mögen; das machte die Sache erträglicher.

Pferde, Reiten, ein Gut auf dem Land: das tönt idyllisch.

Man wird ohne Einschränkung sagen dürfen, dass ich eine sehr behütete und glückliche Kindheit hatte. Das nächste Dorf hiess Aba und lag in rund sieben Kilometern Entfernung.

Dort gingen Sie zur Primarschule.

Nein. Bis zum Alter von 10 Jahren wurde ich, ebenso wie meine Geschwister, zu Hause von unserer Mutter unterrichtet. 90 Minuten täglich, dazu gab es immer Aufgaben. Nach Aba ging es in der Regel nur am Sonntag, mit der Kutsche zur Kirche.

Würden Sie Ihr Elternhaus als religiös beschreiben?

Die Bezeichnung religiös gilt vor allem mit Blick auf unsere Mutter, die sehr fromm war.

Ihr Vater?

Ihn würde ich zwar nicht als unreligiös, aber auch nicht als fromm bezeichnen. Ich denke, den Liberalismus habe ich von meinem Vater. Er war wirklich der liberalste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und niemals hob er seine Stimme. Ich erinnere mich gut an eine Episode, die seine Art verdeutlichen mag. Damals war ich 14jährig und ein bisschen frühreif. Alles Militärische faszinierte mich, eben hatte ich ein Kompendium für Generalstabsoffiziere mit viel Herzblut gelesen. Unter dem Eindruck der Lektüre ging ich zu Vater und eröffnete ihm, dass ich vom Gymnasium zur Militärschule für Kadetten wechseln wollte, um Offizier zu werden. Die Idee war an sich nicht absurd; Vater hatte zwei Brüder, die Berufsoffiziere waren. Er war wohl erschrocken, liess sich aber nichts anmerken, sondern hörte aufmerksam zu, um nach einer längeren Pause nur einfach zu fragen: «Sind Sie sicher, das Sie es so halten möchten?» Und sofort wurde klar, dass meine Idee wohl keine gute war.

Er hat Sie gesiezt?

Ja, immer. Mutter hat uns geduzt. Sie war strikter, strenger, hat auf Disziplin gepocht und schickte uns auch bei strömendem Regen hinaus zum täglichen Spaziergang.

Verkörperte sie die Autorität?

Nein, die Autorität lag beim Vater, aber er brauchte sie nicht offen einzusetzen. Mitunter das Strengste, was aus seinem Munde kam, waren Sätze mit Einleitungen wie «An sich würde ich es vorziehen, wenn Sie…».

Wie ging es weiter mit der Lektüre?

Ungefähr mit 16 Jahren begann ich unsystematisch ökonomische Literatur zu lesen, verstand aber nicht alles, weil das meiste in deutscher Sprache geschrieben war und mein Deutsch bis dahin nicht mehr gut war.

Nicht mehr, sagen Sie?

Ja, ich hatte früh deutsch gelernt. Bis zum sechsten Lebensjahr war Deutsch eigentlich die wichtigste Sprache, weil wir damals stets ein Kinderfräulein hatten – manchmal aus Österreich, manchmal aus Deutschland. Danach verlor ich wieder viel davon. Die zweite Fremdsprache war Französisch, nur einfach Schulfranzösisch, am Gymnasium und in Ermangelung von Alternativen.

Kein Englisch?

Nein, noch nicht. Dafür klassisches Latein, acht Jahre lang, ebenfalls am Gymnasium. Ich mochte zwar Grammatik nicht, hatte aber keinerlei Probleme. So ist es übrigens auch später geblieben. Sprachen sind mir stets ohne grössere Anstrengung, jedenfalls ohne formales Lernen zugefallen. Offenbar habe ich sie ganzheitlich aufgenommen, absorbiert und in der Folge dann gefühlt, ob «es» richtig tönte oder nicht, obschon ich die Grammatik nicht wirklich «gelernt» hatte.

In welcher Sprache denken Sie heute?

Schwer zu sagen. Sicher ist, dass ich auf ungarisch zähle und rechne. Ansonsten fällt abstraktes Denken ins Englische, ebenso die bewusste Entwicklung von Argumenten. Alltagssprache zwischen meiner Frau und mir ist Französisch.

Kamen Sie aus dem Privatunterricht bei Ihrer Mutter direkt ans Gymnasium?

Ja, das war in meinem elften Lebensjahr. Täglich fuhr ich jetzt mit einer meiner Schwestern im Zug nach Székesfehér-vár, einem Ort in rund 20 Kilometern Entfernung. Sie ging an eine Mädchenschule, während ich auf ein von Zisterziensern geführtes Gymnasium kam. Dort ging ich sechs Jahre lang zur Schule.

Also in den Weltkrieg hinein.

Richtig. Allerdings hatte der Umzug nach Budapest nicht direkt mit dem Krieg zu tun. 1940 starb mein Vater – und schnell wurde klar, dass es ohne ihn finanziell schwierig würde, auf dem Gut zu bleiben. Wir hatten Schulden, Hypotheken. Mutters Verwandte lebten in Budapest, also zogen wir 1941 dorthin, und ich absolvierte die letzten beiden Jahre bis zum Abitur am dortigen Zisterziensergymnasium.

Und danach, direkt an die Uni?

Genau. Ich schrieb mich 1943 an der Agrarwissenschaftlichen Fakultät der József-Nádor-Universität ein und begann mit dem Studium. Die Wahrheit ist, dass ich selten dort war – und dass ich zwar enorm viel las, nur nicht die verlangte Fachliteratur. Viel lieber war mir Belletristik, dazu wieder allgemein ökonomische Literatur.

Erinnern Sie sich an einzelne Autoren?

Carl Menger und Friedrich Wieser sind im Gedächtnis haften geblieben, an andere Namen vermag ich mich nicht zu erinnern.

Warum Agrarökonomie – so ganz ohne Lust?

Weil es sich natürlich anbot. Wir hatten immer noch das Land – und später wollte ich in die Politik gehen. Ich studierte also Agrarökonomie, weil es Unabhängigkeit in Aussicht stellte, weil ich so niemals von einem Salär abhängig sein würde, weil ich mich auf diese Weise ganz dem politischen Mandat – etwa als Abgeordneter im ungarischen Parlament – würde widmen können. Darum dieses Studium. 1947 legte ich die Schlussprüfungen ab – und bestand zu meiner eigenen Überraschung. Ich war denkbar schlecht vorbereitet, verstand wirklich nicht viel von Agrarökonomie und hatte schlicht enormes Glück.

Sie wollten in die Politik?

Ursprünglich ja, es bot sich an. Im Rückblick wird man sagen dürfen, dass die Russen einen grossen Strich durch diese Rechnung gemacht haben.

Hier gelangen Sie zu Teil 2 dieser Interview-Reihe mit Anthony de Jasay.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»