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«Ich wollte Dichter werden, nicht Maler»

Drucke und Zeichnungen von Paolo Mazzuchelli

«Ich wollte Dichter werden, nicht Maler»

Die Druckvorlagen, die anfangs nur wenige Quadratzentimeter massen, wurden mit den Jahren immer grösser. In Paolo Mazzuchellis Atelier in Ligornetto, einer kleinen Stadt im Tessin, lehnen Holzschnitte an den Wänden, gross wie Tischplatten. In der Ecke steht aufrecht ein zusammengerollter Linolschnitt, fast mannshoch. Dimensionen, für die Druckereien üblicherweise keine Ma- schinen mehr haben. Daher begann Paolo Mazzuchelli seine Bilder selber zu drucken. Mit Nudelhölzern, Zementrollen und anderen Geräten übte er den nötigen gleichmässigen Druck auf die Matrizen aus, ein Freund stand ihm mit Muskelkraft bei. Ein Aufwand, der für den Künstler mehr als unvermeidbare Notwendigkeit ist; das handwerkliche Herstellen wurde zum Teil des kreativen Prozesses. Ob er Kaffee koche, beim Autofahren einen anderen Gang einlege oder eben seine Bilder entwerfe und herstelle, sei alles das Gleiche, er trenne nicht zwischen dem kreativen und dem alltäglichen Leben.

Die vielen Schritte bis zu einem fertigen Bild – angefangen bei einer ersten Idee, gefolgt von Entwürfen und Skizzen, dem Schneiden in Linoleum oder Holz und schliesslich den wiederholten Druckvorgängen mit verschiedenen Farben – sind alle gleichermassen entscheidend für das endgültige Werk. Das langwierige und auch körperlich anstrengende Schneiden und Drucken versetzen Paolo Mazzuchelli in einen «Schwebezustand», einen Zustand «zusätzlicher Wahrnehmung», der dazu führt, dass das entstehende Werk auf ihn zurückwirkt, seine ursprüngliche Konzeption beeinflusst und so, gewissermassen im Dialog mit ihm, dazu beiträgt, dass es sich unter seinen Händen wandelt.

Ursprünglich wollte Paolo Mazzuchelli, 1954 in Lugano geboren, auf eine Weise dichten, wie er später malte: «Ein Künstler ist für mich immer ein Dichter». Nur in der Dichtung glaubte er, sich ausdrücken und Geschichten erzählen zu können. Viele seiner Freunde wurden Dichter, doch er selber begann zu malen, um in seinen Bildern den Klang der Buchstaben und der Poesie zu erfassen. Schrift und Text sind auch in seinen aktuellen Bildern fast immer präsent, füllen etwa als erzählender Teppich das ganze Bild aus (S. 37 dieser Ausgabe) oder entwickeln sich kalligraphisch aus der Natur (S. 45). Ja, die Natur. Diese ist ihm wichtig, in ihr sucht er Inspiration und Ruhe. Stundenlang geht er täglich mit seinem Hund in den Wäldern Tessins spazieren, und mit einer Reise nach Lappland hat er sich kürzlich seinen Jugendtraum erfüllt. Das Überschreiten des Polarkreises war eine «kosmische Erfahrung», er erlebte eine «mysthische Gnade», wie er fast verlegen sagt. Diese Erfahrung gibt er in seinen Bildern zurück, wenn er etwa das Schattenspiel umsetzt, das das niedrige Buschwerk in der Polarsonne auf den Boden wirft (Titelblatt dieser Ausgabe). Ansonsten möchte Paolo Mazzuchelli nicht so viel über seine Arbeit und sich reden. Sonst wird das Reden zu wichtig. Es sind seine Bilder, die erzählen.

Paolo Mazzuchelli wird von der Galerie Art-Magazin in Zürich vertreten (www.likeyou.com/artmagazin).

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