«Ich will wissen, wie das wirkt»

Die ökonomische Forschung dürfe sich nicht mit Annahmen begnügen, sagt Dina Pomeranz – gerade wenn es um staatliche Programme geht.

«Ich will wissen, wie das wirkt»
Dina Pomeranz, photographiert von Suzanne Schwiertz.

Auch Finanzminister folgen saisonalen Trends und Moden. Eine, die sich in den letzten Jahren rasant verbreitet hat, ist die Mehrwertsteuer. 47 Staaten kannten sie 1990, heute sind es mehr als 140. Diesen Frühling sprangen gar die sonst chronisch steuerresistenten Vereinigten Arabischen Emirate auf, zumindest rhetorisch: das Finanzministerium kündigte an, gemeinsam mit Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Bahrain und Oman bald Mehrwertsteuern einzuziehen. Die VAT, wie sie international heisst, hat einen «bemerkenswerten Aufstieg» hinter sich, wie die Ökonomen Michael Keen und Ben Lockwood 2007 feststellten. Das ist kein Zufall. 

Seit Jahren setzen sich mehrere mächtige Akteure, darunter insbesondere der Internationale Währungsfonds IWF, für die Einführung der Mehrwertsteuer ein. Ihr Versprechen: die Mehrwertsteuer füllt besonders zuverlässig und ohne viel Aufwand die Staatskassen, weil sie weniger hinterzogen wird als andere Steuern. Es war eine Erzählung von verführerischer Kraft, gerade für Entwicklungsländer. Und eine, die «wenig analytische oder empirische Aufmerksamkeit auf sich zog», so Keen und Lockwood 2007. Mit anderen Worten: man wusste eigentlich nicht ganz genau, ob sie wirklich stimmte.

Frau Pomeranz, Ökonomie müsse betrieben werden wie Medizin, sagen Sie. Was meinen Sie damit?
In der medizinischen Forschung werden Medikamente seit langem auf ihre Wirksamkeit getestet. Man untersucht, ob sie nützen und welche Nebeneffekte sie haben. Dasselbe ist heute auch in gewissen Bereichen der Ökonomie möglich. Wir können messen, ob und wie sich eine bestimmte Massnahme tatsächlich auswirkt. Dadurch kann die Forschung der Politik Belege liefern, an denen sie sich orientieren kann. Je besser die Evidenz, die wir haben, desto weniger ist Platz für Ideologie. 

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
Ja. Aber die Sozialwissenschaften taten sich lange schwer damit, Kausalitäten zu beweisen. Es ist dort auch oft schwieriger als in einem Labor oder in Medikamententests. Wenn wir sehen, dass X und Y korrelieren, denken wir oft, dass X zu Y führt. Manchmal liegen wir richtig damit. Manchmal auch nicht. Neue Forschungsmethoden machen klare kausale Studien jedoch vermehrt möglich.

Im Sommer 2008 reiste Dina Pomeranz nach Chile. Wie Keen und Lockwood war ihr die rasante Verbreitung der Mehrwertsteuer aufgefallen, wie die Kollegen wusste sie um das Versprechen dahinter, und wie sie stellte sie fest, dass die Beweise dafür dünn waren. «Es gab viele anekdotische Geschichten», sagt sie. «Aber im Grunde wussten wir nicht zuverlässig, ob sie stimmen.» Pomeranz nahm sich 445 000 chilenische Firmen vor, in enger Zusammenarbeit mit der dortigen Steuerbehörde, und beschloss, die Erzählung zu sezieren.

Wie immer bei randomisierten Experimenten wählte sie eine Gruppe von Probanden zufällig aus, 102000 Firmen übers Land verteilt, und liess ihnen über die kooperierende Steuerbehörde einen Brief zukommen. Er war freundlich formuliert, doch im Kern enthielt er eine Warnung.

Sie arbeiten oft mit der Methode des randomisierten Experiments. Wie funktioniert das?
Tatsächlich ähnlich, wie Medikamente getestet werden: wir wählen aus einer Grundgesamtheit per Zufallsprinzip aus, wer eine bestimmte Behandlung bekommt und wer nicht. Die beiden Gruppen dürfen sich sonst in keinem wesentlichen Merkmal unterscheiden, darum ist das Zufallsprinzip wichtig. Damit haben wir eine Behandlungsgruppe und eine Kontrollgruppe. Wenn wir nun nach einer Behandlung Unterschiede feststellen, können wir daraus ableiten, dass die Behandlung wirkt.

Um was für «Behandlungen» geht es denn hier?
Das können völlig unterschiedliche Dinge sein. Man kann beispielsweise den Effekt von Gratismahlzeiten in Schulen untersuchen, von Preisänderungen oder Subventionszahlungen. Mein Kollege Lorenzo Casaburi hat untersucht, wie man Zuckerbauern in Kenia Zugang zu Ernteversicherung geben kann. Es ist erstaunlich, was sich mit dieser Methode alles untersuchen lässt, wenn man das Studiendesign gut durchdenkt.

Ein häufiges Thema ist die Wirkung von staatlichen Programmen.
Ja. Einerseits aus der Haltung heraus, dass eine Prüfung hier besonders wichtig ist. Wenn eine privatwirtschaftliche Firma etwas versucht, das nicht funktioniert, wird sie tendenziell irgendwann…