Ich werde leben!

Die Novellen und Romane Thomas Manns entnehmen der Dekadenz, als Verfall und Todessucht, den positiven Ansporn, trotz Tod und Untergang das daraus sich ermöglichende «Wachstum» nicht zu übersehen. Vor dieser in ihrer Konsequenz lebensbejahenden Dialektik von Leben und Tod interpretiert der Autor die Buddenbrooks, den Aufstieg und Niedergang eines Lübecker Kaufmannsgeschlechts.

«Leben selbst ist Sterben und dennoch Wachstum.» Mit diesem Zitat aus den «Betrachtungen eines Unpolitischen», mit der Dialektik von Leben und Tod, möchte ich ein Thema aufgreifen, das sich Thomas Mann sowohl aus persönlichen wie zeitgeschichtlichen Perspektiven aufgedrängt hat. Es geht um die dem Leben immanente, aber auch vorausgehende und nachfolgende Hintergründigkeit in dessen Bestimmung durch Geburt und Tod. Wir wissen von Thomas Manns lebenslanger Konzentration auf die Gegenwart des Todes mitten im Leben, auf seine Bemühungen um den «Zauber des Letzten» in seinem Werk. Mann selber artikuliert die Mischung lebensweltlicher Aspekte mit thanatologischen als eine Form existentieller Unausweichlichkeit, auch wenn ihm das epikureische Sophisma von der grundsätzlichen Undenkbarkeit des Todes im Leben durchaus bekannt gewesen ist und er sich hätte darauf berufen können.

Wie alle denkenden Menschen, vermag Mann, Epikurs Anweisung weder existentiell noch denkerisch nachzufolgen, denn die Fremderfahrung von Sterben und Tod lässt sich nie und nimmer ausklammern. Dies zu tun war Mann wie den meisten von uns unmöglich; Sterben und Tod sind lebensgeschichtlich für jeden Menschen als antizipierte Tatsache des Lebensendes viel zu gewichtig. Jeder Romanautor muss vom Tod fasziniert sein, nur schon weil dieses factum brutum beschwerliche, aber auch vergnügliche Lebensabläufe erlösend abschliesst, aber auch weil der Tod – wie Heidegger in besonders prägnanter Weise aufgezeigt hat – immanentes Ziel des Lebens ist. Ein Ende ist in jedem Lebenslauf implizit mitgegeben. Anders kann ein solcher weder thematisiert noch geschildert werden: der Tod ist der gnädige Endpunkt aller menschlichen Lebensläufe. Er versammelt in einem (End-)Punkt, was das Leben seiner Tendenz nach in die Zerstreuung reiner Endlichkeit entgleiten liesse.

Leben und Sterben sind also die leitenden Grundkomponenten einer menschlichen Existenz und daher sowohl für die Religion wie für alle abbildenden Künste von höchster Wichtigkeit. Beide haben ihre Relevanz und Unausweichlichkeit in den paradoxen lebensweltlichen Gegebenheiten von Geburt und Tod, die nicht zur Disposition des Menschen stehen. Dass aber mit jeder neuen Geburt ein neuer Tod in die Welt gelangt, ist Voraussetzung dafür, dass Leben und Tod ineinander gedacht werden können. Sowohl die Mystiker wie die Künstler aller Zeiten haben dieses Unmögliche versucht – den Tod als Leben und das Leben als Tod zu denken und zu leben. Dabei ist früh schon die Einheitsformel «lebendig sterben» entstanden. Sie signalisiert die schon genannte Einsicht der Antike und des Mittelalters bis zu Heidegger, aber auch des Morgen- und Abendlandes insgesamt, wonach Leben Sterben und Sterben Leben ist.

In seinem für das Leitbild moderner Literatur wichtigen Werk «Der Gesang der Sirenen» (frz. «Le livre à venir», 1959) beschreibt Maurice Blanchot einen der modernen Literatur eignenden charakteristischen Zug durchgängiger Zerstreuung: «das Erlebnis der Literatur ist eben das Erlebnis der Zersplitterung, es ist Annäherung an das, was sich der Einheit entzieht, Erfahrung dessen, was kein Verstehen, keine Übereinstimmung, kein Recht umfasst: das Irrige und das Ausserhalbsein, das Unfassbare und das Unregelmässige.»

Dieser Festlegung – getroffen im Blick auf Hermann Broch, Robert Musil, Hermann Hesse und viele andere Autoren, vor allem der modernen französischen Literatur – haftet als ganzer etwas Programmatisches an; sie kann sich zugute halten, dass sie ebenso wie für die gegenwärtige so auch für vergangene Literatur Wesentliches trifft: nämlich das Moment total endlicher Vergänglichkeit, gegen die alle immer wieder beschworene Pflicht zur sogenannten Memorialkultur nicht anzutreten vermag. Literatur in ihrer Endlichkeit ist das Vehikel von Zerstreuung und Abgleiten in die Nichtigkeit, ja Vergesslichkeit.

Dem gegenüber wird aber – paradoxerweise – immer wieder der Anspruch auf ewig währenden Ruhm erhoben und dem Werk insgeheim die Etikette eines horazischen ære perennius angeheftet, auf das der Künstler für sein Werk keinesfalls verzichten möchte. Diese Paradoxie von unrückführbarer Endlichkeit in…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»