«Ich werde immer radikaler»

Sie galt im Appenzellerland als bunter Vogel. Arbeitete zuerst im Kindergarten, dann als Schulleiterin. Bunt ist Gabriela Manser geblieben – und hat die Mineralquelle Gontenbad neu erfunden. Ein Gespräch über Führungsprinzipien bei 6jährigen, Frauenquoten und Altersradikalität.

«Ich werde immer radikaler»

Frau Manser, ich sage es plakativ: Sie haben als Quereinsteigerin aus der verstaubten Mineralquelle Gontenbad ein modernes Lifestylegetränkeunternehmen gemacht. Sie sind erfolgreich, bekommen Auszeichnungen und gelten als Vorzeigeunternehmerin. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass es keine Frauenquote braucht.
Danke für die Blumen. Ich hatte die Chance, einen Familienbetrieb zu übernehmen. Dabei musste ich mich nicht gegen Hunderte von Bewerbern durchsetzen, war also gewissermassen privilegiert. Ich weiss von vielen wirklich gut ausgebildeten Frauen, die bereit und fähig wären, Führungspositionen und Verwaltungsratsmandate zu übernehmen. Aber wie viele von ihnen erhalten eine Chance? Wenn sich die Privatwirtschaft stur stellt, muss der Staat irgendwann tätig werden. Lange habe ich gedacht: eine Frauenquote, das kann nicht die Lösung sein. Aber mittlerweile hat sich meine Haltung geändert. Je älter ich werde, desto radikaler werde ich (lacht).

Für die Politik ist alles Wünschbare auch sofort machbar und von oben durchsetzbar. Das Umdenken beginnt jedoch unten – und braucht Zeit. Vor hundert Jahren hatte es praktisch keine Frauen an den Universitäten, heute stellen sie in vielen Stu-diengängen die Mehrheit.
Klar, brauchen solche Prozesse ihre Zeit, man kann sie nicht beliebig heranwürgen. Und es hat sich hier auch sehr viel geändert. Doch das Problem fängt immer noch im Kindergarten an. Ich höre nur selten, dass ein Mädchen sagt: ich will Chefin werden. Und bei den Buben ist es so, dass viele Ärzte, aber nur wenige Krankenpfleger werden wollen. Die Sozialisation dauert Generationen. So viel Zeit bleibt aber nicht. Die Industrie und die Banken brauchen beide: die Männer und die Frauen.

Natürlich. Aber das ist nicht der Punkt – denn dann bräuchte es keine politisch verordnete Quote. Wichtig ist doch, dass beruflich ambitionierte Frauen wie Sie mit gutem Vorbild vorangehen.
Ja, Vorbilder sind entscheidend. Und dazu braucht es ein Denken, das nicht mit «entweder – oder» arbeitet, sondern mit «sowohl als auch». Und die Frauen müssen sich auch untereinander besser organisieren.

Verstehe ich Sie richtig: Sie glauben, dass es eine Art Männerbunddenken gibt, das den Frauen den Aufstieg in die Chefetagen erschwert?
Nein, aber der Aufstieg erfolgt über etablierte Netzwerke. Und in diesen Netzwerken bewegen sich mehrheitlich Männer. Das Pro-blem ist, dass man – und dazu zähle ich Männer und Frauen – den Frauen zu wenig zutraut. Und dass man – Männer und Frauen – zu wenig experimentierfreudig ist. Denn das habe ich als Unternehmerin gelernt: Unternehmertum ist trial and error.

Damit wären wir beim Thema. Wir wollten ja über Unternehmertum reden. Was zeichnet die gute Unternehmerin aus: dass sie eigene Ideen entwickelt oder sich mit Leuten umgibt, deren gute Ideen sie umsetzen kann?
Eine gute Unternehmerin etabliert ein nachhaltiges Geschäftsmodell, in dem sich die Leute innerhalb des Unternehmens wohl fühlen. Frauen haben einen anderen Blick und gewichten den Wohlfühlfaktor höher als Männer. Wer sich wohl fühlt, identifiziert sich mit dem Unternehmen und ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Letztlich will ich etwas ganz Normales: ein gesundes Unternehmen. Es muss nach innen und nach aussen funktionieren und Gewinn machen. Und um Gewinn zu machen, müssen wir unsere Fläschchen auf dem Markt verkaufen. So einfach ist das.

Ich erinnere mich, wie Flauder zuerst als Geheimtip in der Ostschweiz auftauchte. Plötzlich fand man es in Winterthur, dann in In-Lokalen Zürichs. Nun gibt es bereits Tausende von Marken, Wassern und Limonaden. Wie bringt man die Leute dazu, ein neues Getränk zu kaufen, von dem sie nicht mal wissen, dass es existiert?
Als ich anfing, schaute ich mir unsere damalige Getränkepalette an: Orangina, Citro, Grapefruit, Bergamotte, Himbo. Alles wunderbare Geschmacksrichtungen, aber es gibt sie bereits seit den 1950er Jahren. Ich hatte Lust, etwas Zeitgemässes zu machen, das…

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Werner Kieser, Unternehmer,
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