Ich studiere, also will ich

Die Arbeitswelt ändert sich rasant. Und mit ihr die Hochschulen. Wird das Studium virtueller und unpersönlicher? Nicht unbedingt. Denn wenn sich Studierende als Unternehmer ihrer selbst sehen, fordern sie mehr von sich selbst – und von ihrer Hochschule.

Ich studiere, also will ich

Ich verlasse den Hörsaal als Dozierende nach einer interessanten Stunde: Nichts hält die Freude an der eigenen Forschung mehr am Leben, als deren Grundlagen motivierten Studenten zu vermitteln. Die Einheit von Forschung und Lehre scheint sich wacker über die Jahrhunderte zu halten und hat offenbar auch in den reformatorischen Universitätsunruhen des späteren 20. Jahrhunderts nichts an Faszination eingebüsst. In einer freien Minute aber, die bald darauf dem Lesen der weltweiten Neuigkeiten gewidmet ist, wird die Freude an dieser traditionellen und persönlich intensiven Lehrtätigkeit mit einer ernüchternden Schlagzeile konfrontiert: Es geht um eine Initiative zur Auslagerung der Lehre von morgen auf Web-Plattformen, die mich als physisch anwesende, dozierende Person als ein «Relikt von vor 1000 Jahren» bezeichnet. Spontan frage ich mich: Kann das sein? Ziehe ich meine Motivation aus einer Art Bildungstraum?

Bevor wir uns von Traditionen voreilig verabschieden, scheint es sinnvoll, ihren besten Gehalt herauszuschälen und auf die Regelung der konkreten universitären Probleme anzuwenden: z. B. steigende Nachfrage nach Studiengängen für eine sich rasch verändernde Arbeitswelt. Was richtig ist: Das Universitätsstudium nimmt seit Humboldts Zeiten mehr und mehr die Züge einer Regelausbildung an, um unseren Bedarf an Fachkräften für neue technologische und gesellschaftliche Aufgaben zu decken. Die Hochschulpraxis ist deshalb herausgefordert, kreativ zu reagieren: Neue technologische und, wie im folgenden gezeigt, konzeptionelle Modelle der Interaktion von Studierenden und Hochschule können trotz der weiter wachsenden Studierendenzahlen – und der nicht immer in gleichem Masse ansteigenden räumlichen und personellen Hochschulressourcen – eine tiefgreifende Entpersönlichung und Virtualisierung des Studiums verhindern und einem potentiellen Verlust an Ausbildungsqualität langfristig entgegenwirken. Mit neuen Medien stehen den Studierenden und Dozierenden heute überdies schnelle Kommunikationswege offen, die es auch an einer «Massenuniversität» erlauben sollten, mit vielen Studienanfängern in sinnvollem und konstruktivem Austausch zu bleiben.

Hochschulen suchen den Schlüssel zur Lösung struktureller Probleme in der materiellen und technischen Optimierung und werben um finanzielle Drittmittel. Dabei liegt eine wichtige, oft übersehene «Drittmittelressource» ganz nah: nämlich in uns selber.

 

Humankapital…

Um diese Ressource anzuzapfen, ist es hilfreich, sich des – humanistisch bisweilen skeptisch betrachteten – Begriffs des «Humankapitals» zu bedienen: Studierende und Dozierende erkennen ineinander ihr grosses Kapital und steigern im Ausbildungsalltag Effizienz und Humanität gleichermassen. Drei Wechselbeziehungen sind im Lichte dieses Humankapitalkonzeptes ausbaufähig: (a) die Anforderungen der Studierenden an sich selbst, (b) ihre Forderungen an die Hochschule und (c) deren Erwartungen an die Studierenden.

Begreifen sich Studierende selber als aktives Humankapital, werden sie automatisch zu «Unternehmern ihrer selbst». Sie legen sich detailliert Rechenschaft über ihre eigenen Stärken und Schwächen ab, ganz wie bei der Gründung eines Unternehmens: Wie investiere ich das mir von Natur, Familie und Gesellschaft geschenkte geistige Kapital nachhaltig und optimal? Wie sieht der «Businessplan» für mein Leben aus? Und was wird Jahre später mein «mission statement» in dieser Welt sein?

Mit dem gleichen Enthusiasmus wie für die erste eigene Start-up-Firma, nach deren Gründung jeder Tag zählt, können Studierende auch ihre eigene Ausbildung «bewirtschaften». Klassische Probleme des Studiums, wie Prüfungsangst und umfangreiches Lernstoffvolumen, verlieren an Dramatik, wenn man ein Ziel vor Augen hat: mit kalkuliertem Risiko Hürden zu nehmen und danach seinen eigenen Marktwert zu geniessen und zu vergrössern. Damit beginnen Studierende, ihre Hochschule in der «Bewirtschaftung» ihres Kapitals zu verpflichten. Die Hochschule muss zum einen sicherstellen, dass Studierenden nur wirklich zukunftsrelevante und für sie lohnenswerte Investitionsmöglichkeiten ihrer Zeit und ihres intellektuellen Kapitals angeboten werden. Zum andern muss den Studierenden von Anfang an – durch rasche und transparente Prüfungs- und Auswahlstrategien – deutlich werden, wie viel und welche Art von «Bildungskapital» sie sich persönlich am besten aneignen und dann auch vermehren können.

Studierenden, die um ihr Humankapital wissen und sich als aktive «Selbstunternehmer» auffassen, schätzen ihr Umfeld und die damit verbundenen Risiken genau ein und versuchen beides zu verändern. Seit Jahrhunderten war die Studentenschaft eine Quelle der gesellschaftlichen Kritik und der Reformansätze. Diese wurden zwar nicht immer in passender Weise artikuliert und gefordert, aber sie haben das Gesicht der Hochschule durch studentische Selbstbestimmungsorgane und ein neues Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden über die letzten 100 Jahre verändert. Zu Recht stehen nun die Vermittlung der Wissensinhalte und die internationale Standardisierung der Ausbildung im Vordergrund. Dennoch bleibt die «unternehmerische Stimme» der Studierenden wichtig, um Lehr- und Studienpläne attraktiv und aktuell zu gestalten und wahre interdisziplinäre und interna­tionale Mobilität vor reine Formalismen und Reglemente zu stellen.

Wenn die Weichen für ihr Berufsleben früh, verantwortlich und klar gestellt werden sollen, erfordert dies hohe Standards der Hochschule, aber ihrerseits auch Flexibilität gegenüber Studierenden mit einem, sagen wir, «unkonventionellen Start». Enttäuschte Erwartungen dürfen nicht zur Resignation führen, denn das Humankapital ist zu kostbar, um es einfach ungenutzt abzuschreiben. Die Schuld für ein unbefriedigendes Bildungserlebnis liegt nicht zwangsweise beim Studierenden, sondern evtl. auch bei einer Institution, die zu wenig auf ihn eingegangen ist. Nach einer orientierenden «Unternehmensberatung» durch die Hochschule können die nicht erfüllten Ansprüche sogar Grundlage eines Aufbruchs zu neuen Bildungswegen sein. Um diese Rolle aber wahrnehmen zu können, sind Hochschulen darauf angewiesen, dass die Studierenden mit einem soliden «Startkapital» in der Schulbildung ausgerüstet sind, das sie dann an der Hochschule gemäss ihren Talenten und Interessen einsetzen können. Denn eines muss klar sein: Die Universität kann sich nicht damit aufhalten, Basiswissen zu vermitteln, das andernorts hätte vermittelt werden müssen.

 

…und die richtige Nutzung

Ein besonders erfolgreicher Unternehmer betreibt «branding», er sticht heraus durch Markenzeichen und ein spezielles, unverkennbares Profil, in das seine Kunden ihr Vertrauen setzen. Studierende müssen den Willen dazu zeigen, und die Hochschule sollte ihr Curriculum konstant daraufhin überprüfen, ob den Studierenden und Dozierenden noch genügend Mög­lichkeiten bleiben, um den vermittelten Stoffumfang in einen grösseren – gesellschaftlichen und interdisziplinären – Zusammenhang zu stellen und miteinander kritisch zu betrachten. Dieser Auswahl- und Anpassungsprozess im Lehrplan ist nicht immer einfach, aber er vernetzt Studierende und Dozierende und hält letztere an, den «Marktwert» ihrer Absolventen in bester Weise zu steigern. Erfolg der Studierenden und struktureller Fortschritt an der Hochschule stärken gegenseitige Akkreditierung und Zugehörigkeitsgefühl: Eine renommierte «Alma mater» wird zum wichtigen Posten im Lebenslauf, während die Hochschule gerne auf ihre erfolgreichen Alumni verweist.

Der Begriff «unternehmen» hat zuletzt auch einen abenteuerlustigen Charakter. Unternehmerische Studierende sollten nicht nur trocken ihr Feld beackern, sondern zu neuen Ufern aufbrechen und auch «Risikokapital» in neue Ideen investieren. Besonders in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern verringert sich die Altersdifferenz zwischen Lehrenden und Lernenden kontinuierlich durch den Einbezug der Doktorierenden in die Ausbildung, die ihrerseits von einer Straffung des Studiums zeitlich profitiert haben. Viele wissenschaftliche Durchbrüche wurden von jungen Forschern erzielt, die eben erst dabei waren, die akademischen Stufen zu ersteigen – naturwissenschaftliche Beispiele wären William Lawrence Bragg oder Rudolf Mössbauer. Schon in der Ausbildung sollten die Studierenden einfordern, dass ihre (nicht immer konventionellen) Ideen gehört, bedacht und auf den Prüfstand gelegt werden, damit sie aktiv ihre intellektuellen «Aktien» in Forschung als Wissenskapitalbildung investieren können, sobald sie die ersten Qualifikationen erfolgreich ausweisen können.

Es schliesst sich somit wieder der Kreis von Forschung und Lehre: Ideen und Persönlichkeiten entstehen im direkten Dialog und nicht nur auf standardisierten Web-Plattformen. Bin ich also als physisch anwesende Dozierende überflüssig? Nein. Ein solches «Relikt» bin ich erst, wenn ich mich dem Dialog verweigere oder – dem Modell des lehrmeisterlich-universitären Vorlesers aus den 50ern gleich – unflexibel werde und mich auf meinen Dozierenden-Lorbeeren ausruhe. Unser Humankapital in Europa ist nur ein kleinerer Teil der Welt, und umso mehr bedeutet für uns nun jeder Aktivposten. Ein gutes Semester an der Universität wirkt wie die Perlen an einer Kette: Alle halten zusammen, keiner darf fehlen und alle glänzen auf ihre Art – wie viele auch immer es sind.

Investiere in dich! Studenten als Unternehmer ihrer selbst
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Heinrich von Kleist, Nick Hayek, Mark Zuckerberg – sie alle haben ihr Hochschulstudium frühzeitig hingeschmissen. Sie sahen ihre wertvolle Zeit und Energie anderswo besser investiert, verfolgten eine «freie Geistesbildung» oder gründeten ein Unternehmen. 72 Prozent der Studenten an Schweizer Hochschulen gehen einen anderen, manchmal ebenso abenteuerlichen Weg. Zum Beispiel Fabian. Er beklettert überhängende Wände und […]

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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