«Ich muss mich manchmal schämen»

Der Multiunternehmer Markus Oberholzer ist international engagiert. Schweizer Qualität sieht er in Gefahr – durch hausgemachte Faktoren und durch Preisschwund. Weil Gutes nichts mehr kosten darf. Was ist dagegen zu tun?

Schweizer Monat: Herr Oberholzer, ist Qualität der Erfolgsfaktor der Dienstleistungen und Produkte aus der Schweiz in der Welt?

Markus Oberholzer: Mit meiner Erfahrung als international tätiger Unternehmer kann ich das absolut bestätigen. Nur, das gilt für die Vergangenheit. Heute wird dieses Qualitätsdenken nicht mehr gelebt und umgesetzt, sondern nur davon gesprochen.

Das klingt hart. Lassen Sie uns zuerst definieren, was Qualität ist.

Qualität bedeutet, dass die Leistung, die man miteinander beschlossen hat, in dem Umfang wie definiert auch hergestellt, geleistet, geliefert, erbracht wird. Ich meine damit: alles, was gemeinsam auf einem Papier festgeschrieben wird, wird in der Realität auch gelebt. Leider stelle ich im Alltag fest, dass dies nicht mehr stimmt.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie ein Beispiel aus der Inflight-Catering-Industrie, in der ich zu Hause bin. Partner definieren gemeinsam detailliert das Produkt, das sie herstellen oder erwerben wollen. Dazu gehört zwingend eine Preisstruktur, welche die Selbstkosten deckt und für den Anbieter eine Marge garantiert. Letzteres ist heute leider nicht mehr der Fall. Heute sitzen Einkaufspartner an den Tisch und verlangen Dienstleistungen und Produkte, die von Anfang an gar nicht vernünftig in einer Preisstruktur abzubilden sind.

Manchmal übernimmt ein Anbieter Aufträge aus strategischen Gründen, gewissermassen als Investition für spätere Gewinne, und nicht aus Gründen eines unmittelbaren Deckungsbeitrages.

Das ist Theorie. In dieser Industrie kann man ganz viele Aufträge gar nicht mehr annehmen, weil sie die Selbstkosten bei weitem unterschreiten. Damit wird willentlich und wissentlich die Qualität eines Produktes oder einer Dienstleistung von vornherein ausgehöhlt – und zwar durch alle Beteiligten.

Das ist doch Theorie und eventuell das Lamento eines Produzenten, der mit zu hohen Kosten operiert.

Keineswegs. Ein anderes Beispiel aus einer anderen Industrie. Ich besass eine Industriewäscherei in Zürich und Umgebung, die zuletzt durch grenznahe und ausländische Betriebe hart bedrängt wurde. Auf dem Markt hatte ich mit Konkurrenz zu tun, die 150 Kilometer in die Stadt Zürich fuhr, dort die zu reinigenden Materialien abholte und sie anschliessend im deutschen Raum reinigte. Diese Konkurrenz verfügt über zwei Kostenvorteile: beim Personal und…

… Stopp! Rechnen wir das einmal durch bitte!

Können wir machen. In der Schweiz belaufen sich die Stundenlöhne in diesem Bereich auf total 25 Franken. In Deutschland bewegen sich Wäschereien offiziell bei 8,50 bis 9,50 Euro pro Stunde. Diese Kalkulation ist einfach. Der zweite Kostenvorteil: die deutschen Anbieter geben mehr von ihrer Marge weg, als sie müssen. Konsequenz: als Schweizer Anbieter bin ich von Verhandlungsstart an mit mindestens 15 bis 20 Prozent Preisdifferenz unter Druck.

Was also tun? Den Laden dichtmachen?

Ich sehe Schweizer Kollegen, die mit den grenznahen und deutschen Anbietern in den Preiskampf gestiegen sind. Sie lügen sich selber in die Tasche und können gar keine Gewinne mehr erwirtschaften, schlimmer noch, sie produzieren nur Verluste, wenn sie die Qualität der Dienstleistung unverändert belassen. Was ist der logische Schritt? Diese Anbieter schrauben ihre Leistungen zurück. Sie schränken die vereinbarten Lieferzeiten ein. Sie beschneiden den Rhythmus der Dienstleistungen. Was passiert? Die Hotels als Einkäufer des Services zum Beispiel rufen am Freitagabend händeringend nach den teureren Schweizer Lösungen, weil sie ein ganzes Wochenende nicht bedient werden. Die Schweizer aber sind inzwischen zu Notlösungen geworden. Man sieht: es entstehen Konflikte zwischen definierten Angeboten, tiefen Preisen und erwarteten Dienstleistungen. Am Ende ist niemand zufrieden, und jeder Vertrag ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht.

Das heisst übersetzt: der Preis isst die Qualität.

Der Preis frisst die Qualität auf. Zuungunsten aller Beteiligten. Ein anderes Beispiel: wir produzieren für europäische Fluggesellschaften den ganzen Europaverkehr zwischen einer und vier Stunden Reisedauer.

Was heisst: wir produzieren? Was machen Sie?

Alle Sandwiches und Dienstleistungen an Bord stammen von uns. Die Auflagen sind klar:…