Ich. Muss. Jetzt. Reden.

Der aggressiv geführte Krieg um Meinungsdominanz ist ermüdend. Plädoyer für eine Rückbesinnung auf etwas Gesprächskultur.

Ich. Muss. Jetzt. Reden.
Bild: Mauritius images / Richard Levine / Alalmy.

Entschuldigen Sie, dass ich weiterrede, während Sie mich unter­brechen! Ich habe Sie ausreden lassen, lassen Sie mich das auch tun! Hierauf muss ich antworten! Jetzt darf ich aber bitte auch einmal etwas sagen! Lassen Sie mich nur noch zwei Sätze sagen!

Diese Wortmeldungen sind allseits wohlbekannt aus Podiums­diskussionen und Talksendungen im Fernsehen. Sie haben alle eins gemeinsam: keinen Inhalt, der über den blossen Versuch der Behauptung einer eigenen Position im Gespräch hinausgeht. Zu Beginn der Diskussionen fallen sie nicht, da wird gesittet kommuniziert: Ein Gesprächsteilnehmer nach dem anderen gibt sein erstes Statement ab. Die Kontrolle über das Gespräch liegt bei der Moderation, man hört einander sogar brav zu. Dann aber, meist nach etwa 15 bis 20 Minuten, läuft die Sache aus dem Ruder: Eine erste Person wird emotional durch die Diskussion, sie redet lauter, fällt anderen ins Wort, beginnt zu gestikulieren. Die Moderation wird nervös, die Gegenseite rüstet auf. Und plötzlich werden alle Beteiligten lauter. Sie unterbrechen einander oder fangen an zu reden, wenn sie niemand gefragt hat, wollen gar nicht mehr aufhören damit.

Die grässlichsten Gesprächsteilnehmer sind jene, die von Auftrittscoachs mit Sendungsbewusstsein ausstaffiert wurden: Sie glauben, die Welt voranzubringen, wenn sie es nur hinkriegen, Sätzchen, die sie vorher brav auswendig gelernt haben, möglichst oft zu wiederholen. Haben sie sich das Mikrofon gekrallt, klammern sie sich daran und geben es nicht mehr ab. Natürlich sitzen diese Leute auch im Publikum. Bittet man sie um Fragen, sagen sie: Es ist weniger eine Frage, mehr ein Kommentar. Oder: Ich als Inhaber der Firma Content Power mit der Website Contentpower.com muss dazu vier Anmerkungen machen. Sie reden und reden und sagen dann: Und nun gleich zu meiner Frage. Die, Sie ahnen es, natürlich gar keine Frage ist. Als hätten sie ein Recht darauf, andere zu langweilen. Als hätten sie ein Publikum, das ihnen auch noch nach Stunden gebannt an den Lippen hängt. Als wären sie Fidel Castro oder Hugo Chávez.

Es gewinnt in einer Diskussion nicht jene Person, die am lautesten und am längsten spricht, sondern jene mit den besten Argumenten, mit den originellsten Ideen, mit den überzeugendsten Fakten.

Schon Wolf Schneider stellte erschlagen fest: «Die politische Fernsehdiskussion ist für die Zuschauer oft ermüdend, für die Teilnehmer aber fast immer frustrierend.» Als Diskussionsleiter einer Fernsehtalkshow in den 1980er Jahren nahm er Politiker wie Franz Josef Strauss so wahr: «Sie pumpen ihre Lungen voll Luft und lassen minutenlang nicht die geringste Pause, in die ein wohlerzogener Mensch allenfalls einbrechen könnte, falls er sehr reaktionsschnell ist. Wer solchen Politikern gegenüber zu Wort kommen will, muss seine gute Erziehung vergessen und die Kraft aufbringen, in ihre Rede hineinzusprechen, so lange und schliesslich so laut, bis einer aufgibt – hoffentlich der Politiker.»1

Dominanz vor Inhalt

Diese Menschen, oft sind es Männer, haben ganz grundsätzlich ­etwas missverstanden: Es gewinnt in einer Diskussion nicht jene Person, die am lautesten und am längsten spricht, sondern jene mit den besten Argumenten, mit den originellsten Ideen, mit den überzeugendsten Fakten. Um diese jedoch auszuspielen, braucht es etwas Raum. Ist in öffentlichen Diskussionen niemand mehr in der Lage, einen Punkt auszuführen – in vier, fünf, zehn Sätzen; in sechzig oder neunzig Sekunden –, weil er unterbrochen oder ­irgendwo dazwischengequakt wird, können Gespräche nur noch verstümmelt geführt werden. Sätze verfallen in Bruchstücke und verkommen zu grellen, schlechten Schlagzeilen. Gewiss: Kurze Zwischenrufe können Sinn machen, wenn sie inhaltlich etwas beitragen – aber nicht, wenn sie nur beabsichtigen, den anderen aus dem Konzept zu bringen. Oft ist aber genau das der Fall. Wie hinter den Kulissen zu vernehmen ist, nimmt das Dominanzgebaren einiger Gesprächsteilnehmer auch erst vor den…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»