«Ich habe etwas gegen Ismen…»

Das richtige Wachstum? Der vollkommene Markt? Der gute Mensch? Silvio Borner ist allergisch gegen Vereinfachungen. Gegen Moden. Und gegen Besserwisser. Begegnung mit einem unerschrockenen Schweizer Ökonomen.

Herr Borner, Sie haben an mehreren Gesprächen Anstoss genommen, die wir mit profilierten Ökonomen geführt haben. In einem Brief an mich sprechen Sie gar von wirren Thesen, die der Senkrechtstarter Tomáš Sedláček vertrat. Ich halte Sedláček für einen klaren Denker…

…der Senkrechtstart scheint mir vor allem ein medialer zu sein. Inhaltlich sind es einfach seltsame Ausschweifungen, die Herr Sedláček zum besten gibt…

… Sedláček nennt die dominanten ökonomischen Theorien Voodoo-Ökonomie. Seine These ist glasklar: Die Ökonomik hat die wirtschaftliche Wirklichkeit in Modellen abgebildet, die immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Sie wurde selbstreferentiell – und am Ende in den Jahren 2007 ff. von der Realität eingeholt…

…das ist mir viel zu philosophisch. Welches Problem liegt der Krise zugrunde?

Nach Sedláček ist es die Verschuldung, die stets neue Verschuldung gebiert.

Lassen Sie uns hier beginnen. Sind Schulden per se eine Schuld, wie Sedláček meint, also eine Ausgeburt des Bösen? Nein, sind sie nicht. Lassen wir den Staat erst mal beiseite und gehen vom einzelnen handelnden Menschen aus. Es gibt viele gute Gründe für einen Haushalt, sich zu verschulden. Das hat nichts mit Moral, aber viel mit Rationalität zu tun. Wenn wir jung sind, brauchen wir Geld, um in die Ausbildung, in ein Haus oder in die eigene Firma zu investieren – und später zahlen wir diese Schulden zurück. Nur so kann sich der einzelne optimal entfalten. Oder wollen sie bis 60 sparen und dann noch in ihr Humankapital investieren? Dabei ist klar: wer die Schulden wider Erwarten nicht zurückzahlen kann, haftet mit seinem persönlichen Vermögen und bekommt die Folgen seines Versäumnisses am eigenen Leib zu spüren. Und umgekehrt: wer Geld verleiht, will dafür eine Sicherheit, das Haus oder künftige Erträge aus der Geschäftstätigkeit. Hat er keine Sicherheit, steht er im Worst Case mit leeren Händen da. Solange diese Koppelung von Entscheid des Schuldenmachens bzw. Kreditverleihens und Haftung für die gemachten Schulden bzw. für den verliehenen Kredit gegeben ist, sehe ich kein Problem. Ganz im Gegenteil. Schuldner und Gläubiger profitieren gleichermassen.

Ich habe zu Hause gelernt: Schulden machen abhängig. Investiere darum nur, was du zuvor gespart hast.

Das ist schön und gut. Wer aber nichts mit auf den Weg bekommt und keine Schulden machen darf, wie soll der etwas zustande bringen? Keine Frage: Schulden können abhängig machen – aber sie können eben auch befreiend wirken. Das kommt auf die Umstände an. Deshalb brauchen wir Finanzmärkte. Sie regeln Angebot und Nachfrage von Kredit. Sie sind für das Funktionieren
einer Volkswirtschaft unerlässlich. Den dogmatischen Finanzmarktkritikern fehlt es schlicht an Phantasie. Die Welt verändert sich rasend schnell. Aber ohne hochdifferenzierte Finanzmärkte erstickt die Innovation im Keime. Innovationen kosten extrem viel Geld, und wenn man es Investoren künstlich erschwert, riskante Geschäfte zu tätigen, also Geld zu verdienen oder Geld zu verlieren, ist wirtschaftliche Stagnation die Folge. Stagnation ist übrigens nicht das Paradies, von dem die Wachstumskritiker träumen, sondern die Hölle, vor der sich Demokraten fürchten, weil es immer weniger zu verteilen gibt. Auch hier gilt: die Koppelung zwischen Risiko und Rendite, zwischen Gewinn und Verlust ist entscheidend. Sie garantiert Eigenverantwortung. Wer gewinnen will, kann auch verlieren.

Wunderbar. Sie bieten hier eine Verteidigung des klassischen Kapitalismus.

Ich habe etwas gegen Ismen. Was ich sage, sind ja Banalitäten. Der Punkt ist doch: nun beginnen auch noch mediengeile Ökonomen dem Zeitgeist nachzurennen, weil sie vor allem bei den Nichtökonomen Anerkennung suchen und finden…

…weil die traditionellen Ökonomen mit ihren Prognosen danebenlagen.

Klar, viele lagen daneben. Und warum? Weil sie den Markt als goldenes Kalb verehrten und die politische Ökonomie vergassen. Es gibt weder einen perfekten noch einen unpolitischen Markt. Der Markt ist genauso unvollkommen wie…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»