«Ich glaube nicht an diesen Hokuspokus!»

Seit seinem Rückzug aus der Finanzbranche kann Oswald Grübel frei reden. Ein Gespräch über Hochfrequenzhandel, die Bankenbranche als halbstaatlicher Sektor und ein in der DDR geschultes Sensorium für sozialistische Anwandlungen – zu denen auch Antritts- und Abgangsentschädigungen gehören.

«Ich glaube nicht an diesen  Hokuspokus!»
Oswald Grübel, photographiert von Thomas Burla.

Herr Grübel, können Sie mir sagen, was Geld ist?

Geld ist eine geniale Erfindung, die uns vom primitiven Tauschhandel «Äpfel gegen Birnen» weggebracht hat.

Und uns stattdessen wohin geführt hat?

Zu einem effizienten Handel, der über Preise funktioniert – plötzlich lassen sich Dinge miteinander vergleichen. Geld ist eine Mass­einheit für Waren und hat den weltweiten Handel überhaupt erst möglich gemacht – zusammen mit den Banken: Sie sind die Werkzeuge, die das Geld bewegen, es dort zur Verfügung stellen, wo es gerade gebraucht wird. Globalisierung und Welthandel wären ohne Geld und Banken schlicht undenkbar.

Die Banken tun noch mehr als das: Sie stellen das Geld nicht nur zur Verfügung, sondern schaffen es recht eigentlich aus dem Nichts!

Aus nichts kommt nichts. Jemand, der im Welthandel etwas kauft oder verkauft, stellt das Geld hier in der Schweiz einer Bank zur Verfügung, und eine andere Bank zahlt es ihm in einem anderen Land der Welt wieder aus, oder umgekehrt: Er kann in irgendeinem Land Geld einzahlen und kriegt es hier in der Schweiz, wo er produziert, wieder ausbezahlt. Banken erbringen demnach primär eine Dienstleistung in einer globalisierten Welt.

Ich insistiere: Indem sie die Bilanz verlängern, schöpfen die Banken Geld – über das der Überblick zusehends verloren geht, auch weil es zu einer elektronischen Sache geworden ist. Es gibt zwar noch ein bisschen Cash, insgesamt aber ist Geld heute etwas völlig Virtuelles.

Es braucht Kapital für die Kreditschöpfung, wie viel, wird von den Aufsichtsbehörden genau vorgeschrieben. Geld war schon virtuell, als ich in den 1960er Jahren in die Lehre ging. Damals arbeiteten wir mit Akkreditiven, das heisst mit Zahlungsversprechen: Wenn jemand seine Ware per Schiff irgendwohin schickte und dafür eine Sicherheit wollte, dann war da eine Bank zwischendrin, die mit einer Korrespondenzbank im Zielland zusammenarbeitete und Garantien abgab. So nannte man das damals. Heute geht das auf elektronischem Weg natürlich alles viel schneller, das Prinzip der Virtualität ist aber das gleiche geblieben.

Die Eigenkapitalquote der Banken beträgt heutzutage – auch mit Basel III – bloss einige Prozent der Bilanzsumme, der grosse Teil des Buchgeldes wird durch Kreditvergabe neu geschöpft. Wie würden Sie Ihrem Enkel erklären, was Sie als Banker ein Leben lang gemacht haben?

Da muss ich gar nicht auf meinen Enkel zurückgreifen, das war bei meiner Tochter schon immer etwas schwierig! Ich glaube, alle Arbeiten, die keine greifbaren Produkte erzeugen, sind schwer zu erklären. Ich würde es aber ungefähr so versuchen: Bank und Banker helfen der Wirtschaft – und damit allen, die einen Beruf haben und arbeiten – zu funktionieren. Banken sind die kommunizierenden Röhren des Geldumlaufs. Es braucht sie, um die Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen und sicherzustellen, dass wir unsere Rechnungen bezahlen und unseren Lohn erhalten können.

Diese Betonung des Dienstleistungsaspekts lässt Banken als reine Geldinfrastrukturen erscheinen. Wo bleibt denn in Ihrem Beschrieb die unternehmerische Komponente?

Banken sind Dienstleistungsunternehmen und gehorchen unternehmerischen Prinzipien: Will man eine Bank richtig führen, muss man die Dienstleistung so optimieren, dass man sie bestmöglich erbringen kann – mit den tiefstmöglichen Kosten. Zudem kann die Bank die Liquidität, die sie hat, zur Kreditschöpfung und für Eigengeschäfte in den Märkten nutzen. Die rasanten Fortschritte der Technologie haben es den Banken in den letzten zwanzig Jahren erlaubt, ihre Kredit- und Arbitragegeschäfte enorm auszudehnen – was einigen dann aber zum Verhängnis wurde, weil sie den Überblick oder das Augenmass verloren haben.

Die Zinsarbitrage, die Sie ansprechen, prägt die gesamte Geldwelt und nährt im übergeordneten Rahmen einen quasi selbstreferentiellen Geldkreislauf: Grosse Geschäftsbanken bekommen günstiges Geld von der Zentralbank, kaufen damit (marode) Staatspapiere, die sie dann wieder als Sicherheiten bei der Zentralbank hinterlegen, um dafür neues billiges Geld zu erhalten und…

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Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»