Ich bin so froh, dass Sie etwas zugenommen haben!

Benimmbücher und Stilfibeln sind unerfindlichen Moden unterworfen. Jahrelang wird man verschont, dann plötzlich erscheint ein halbes Dutzend gleichzeitig. Anderseits gibt es wohl kaum ein anderes Buchgenre, das in den vergangenen Jahren mit vergleichbaren Überraschungen aufwarten konnte. Dachte der geneigte Leser, es sei doch eigentlich alles gesagt, hielten 2003 die «Manieren» des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate […]

Benimmbücher und Stilfibeln sind unerfindlichen Moden unterworfen. Jahrelang wird man verschont, dann plötzlich erscheint ein halbes Dutzend gleichzeitig. Anderseits gibt es wohl kaum ein anderes Buchgenre, das in den vergangenen Jahren mit vergleichbaren Überraschungen aufwarten konnte. Dachte der geneigte Leser, es sei doch eigentlich alles gesagt, hielten 2003 die «Manieren» des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate dem halbgebildeten Publikum den Spiegel vors Gesicht. Zwei Jahre später doppelte der nächste Adlige nach: Alexander von Schönburgs «Kunst des stilvollen Verarmens» wies die Richtung in eine ästhetische Askese.

Philipp Tinglers imperativer Buchtitel lässt uns zucken. «Stil zeigen!» Hektisch schlagen wir das Inhaltsverzeichnis auf, um zu erfahren, was wir im gesellschaftlichen Umgang falsch machen. Das Buch ist aufgebaut in die beiden grossen Kapitel «Die Kunst der Konversation» und «Die Kunst der Konvention». In seiner Einleitung stellt der Neu-Zürcher klar, dass es sich um einen etwas anderen Ratgeber handelt. Es werden vielerlei Gepflogenheiten und Tipps verraten. Nicht jeder Rat ist bitterernst gemeint, weist vielmehr den stil-ästhetischen Weg. Tingler behandelt Fragen wie «Wann ist Lügen erlaubt?» oder die, wie man einen sozialen Kontakt am besten beendet. Am besten heisst nicht unbedingt am schonendsten. So könne man zu Sabine Christiansen sagen: «Ich bin so froh, dass Sie endlich etwas zugenommen haben!» oder einem anderen Langweiler von der letzten Herpes-Infektion berichten.

Es ist Sprache, Ausdrucksvermögen und Wortwahl, die jemanden zur Ober- oder eben zur Unterschicht gehörig macht. Und keinesfalls das Geld. Philipp Tingler verweist hier auf das britische Königreich. Die Geisteshaltung der englischen upper class sei aristokratisch, weil sie Engagement nicht von materiellen Vorteilen abhängig mache. Reichtum interessiere nicht, und man sei sich der gesellschaftlichen Vorbild- und Führungsverantwortung bewusst. «Ruinierte Adlige können in England ihr ganzes Leben ehrenamtlich in wohltätigen Komitees wirken und dann seelenruhig das Mobiliar ihres Landsitzes in Gloucestershire verkaufen, um die Pub­lic-School-Gebühren für die Kinder zu bezahlen.»

Das Buch ist ein nonchalanter Ratgeber, um auf die Fehltritte der anderen in einer mediokren Gesellschaft reagieren zu können. In äusserlicher Gestaltung wie Themenwahl gediegen, gelungen, – aristokratophil im besten Wortsinne. Da es von sokratischer Ironie getragen ist, kann man es auch verschenken, ohne damit einen Fauxpas zu landen. Die hinreissenden und wahrlich kongenialen Zeichnungen von Daniel Müller sind zu dem allen noch die Trüffelung.

vorgestellt von Matthias P. Lubinsky, Berlin

Philipp Tingler: «Stil zeigen! Handbuch für Gesellschaft und Umgangsform». Zürich: Kein und Aber, 2008

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»