Interview Teil 2:
«Hungern oder gehen»

Im zweiten Teil unserer Interview-Reihe mit Anthony de Jasay schildert dieser die Kriegszeit in Ungarn.

Teil 1 finden Sie hier.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg studierten Sie in Budapest Agrarökonomie, weil diese Ausbildung Sie zur Bewirtschaftung des elterlichen Guts befähigen und dadurch wirtschaftlich unabhängig machen würde – denn Sie wollten in die Politik. Wo standen Sie in jungen Jahren politisch?

Ich würde sagen, in der Mitte. Bei Ausbruch des Krieges wurde das Land von einer Regierung geführt, die ursprünglich moderat rechtsgerichtet war, sich dann aber unter deutschem Druck immer weiter nach rechts bewegte. 1944 begannen die Deutschen mit der physischen Besetzung des Landes und setzten eine Kollaborationsregierung ein. In Budapest wurden die berüchtigten Pfeilkreuzler installiert; das war am 15. Oktober 1944.

Sie kennen das Datum genau.

Dieses Datum kann ich ebensowenig vergessen wie die Geschehnisse jener Tage. Zum Beispiel flogen die Deutschen Einschüchterungsflüge mit Messerschmidtmaschinen. Viele Jahre später lernte ich jemanden kennen, der damals als deutscher Pilot solche Scheinangriffe auf Budapest zu fliegen hatte. Das war jener Gerard Radnitzky, der sich später als Wissenschaftstheoretiker und Philosoph einen Namen machen sollte. Allerdings hätte der gute Radnitzky im Cockpit seines Flugzeugs im Luftraum über Budapest nicht eine Sekunde daran gedacht, Bomben abzuwerfen: seine ungarische Grossmutter lebte in der Stadt – «Was würde Oma dazu sagen!» – In den letzten Monaten des Jahres 1944 näherten sich die russischen Truppen, die Situation war bis zum äussersten gespannt. Als Abschiedsgeschenk sprengten die Deutschen die Donaubrücken in die Luft. Noch vor Weihnachten 1944 war der Belagerungsring geschlossen, und die Russen begannen, die Stadt Stück für Stück zu erobern. In Pest kamen sie schnell voran. Wir wohnten in Buda, dort benötigten die Angreifer vier Wochen mehr. Es war ein erbitterter Kampf um jede Strasse, manchmal um jedes Haus.

Dramatische Tage auch für Sie und Ihre Familie?

Vater war 1940 gestorben, mein Bruder als Berufsoffizier im Kampf gegen die Russen gefallen. Von der Familie blieben also die Mutter, zwei Schwestern und ich. Wir lebten bei Verwandten und mussten keine Ratten essen – aber fragen Sie lieber nicht, was wir assen. Dann war der Spuk vorbei, und es begann der Wiederaufbau. Die Russen gingen sehr geschickt ans Werk. Nicht etwa, dass sie ihre kommunistischen Marionetten ohne Verzug installiert hätten – nein! Sie tolerierten eine breit abgestützte Koalitionsregierung; die Kommunisten übernahmen nur rund ein Viertel der Ministerposten. Alle sollten glauben, dass es sich um ein inklusives politisches Arrangement handelte. In Budapest liessen die Russen sogar freie Bürgermeisterwahlen zu, die auch prompt von einem bürgerlichen Kandidaten gewonnen wurden. Gleichzeitig aber bauten die Kommunisten ihre Positionen mit ungeheurer Zielstrebigkeit aus, besetzten strategische Schlüsselstellen und trieben den Ausbau der Geheimpolizei AVO voran. Das Ganze war eine perfekt inszenierte Maskerade. Noch im Zuge der allgemeinen Wahlen von 1946 gewannen die Kommunisten nicht einmal 20 Prozent der Stimmen; es bestand kein Grund zur Beunruhigung.

Auch Sie wurden in die Irre geführt?

Damals war ich 21 Jahre alt und ein naiver Idiot. Ich ahnte nicht, dass wir im Begriff waren, eine russische Kolonie zu werden, sondern glaubte das ganze Gerede von den Vereinten Nationen und einer Besatzung durch die Vier Mächte. Wie in Deutschland, so waren ja auch in Budapest Vertreter der westlichen Alliierten zugegen und führten abends hübsche Frauen aus. Aber eben, ich lag falsch.

Wann und wie kam es zur Ent-täuschung?

Das war ungefähr 1947, als die Nationalisierung der ungarischen Industrie einsetzte. Offiziell waren ausschliesslich Unternehmungen mit über 100 Angestellten betroffen, in Tat und Wahrheit wurden auch kleinere und kleinste Betriebe zwangskollektiviert. In jenen Monaten wurde klar, dass die Russen in Ungarn bleiben würden. Und damit war auch klar, dass ich nicht bleiben konnte, dass ich das Land verlassen würde.

Gab es wirklich keine andere Möglichkeit?

«MONAT für MONAT
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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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