Humanismus für Roboter

Von der Fellweste über den Streitwagen bis zur Zahnplombe: Seit je hat der Homo sapiens sein Leben optimiert und mit anderen Existenzformen fusioniert. Höchste Zeit, die alten Allianzen zwischen Mensch, Tier und Maschine wiederzuentdecken und den Humanismus neu zu denken.

Herr Macho, Humanisten sind alle gern, und selbst bei Stalin fand der «Humanismus» einst Gefallen: Das Wort wirkt ausgeleiert und ist von zahlreichen Nachkriegsphilosophen verworfen worden. Was für eine Bedeutung kann es heute noch haben?

Es gibt zumindest einen Aspekt des Humanismus, den wohl niemand als ausgeleiert bezeichnen würde: Die Formulierung von Menschenrechten ist nach wie vor unverzichtbar und wurde auch von jenen Kritikern nicht in Frage gestellt, die den Humanismus in der Nachkriegszeit als problematisches Konzept erkannten und mit Krieg, Kolonialismus und Rassismus in Verbindung brachten. Was prominente Kritiker wie Jean-Paul Sartre oder Michel Foucault verwarfen, war eigentlich die Anthropologie, nämlich eine exklusiv auf den Menschen fokussierte Wissenschaft. Von den Überlegenheitsvorstellungen und Abgrenzungsbestrebungen, die aus diesem engen Blickwinkel erwachsen, nehme auch ich weiten Abstand – ohne mich aber vom Humanismus zu distanzieren. Im Unterschied zur Anthropologie handelt es sich beim Humanismus nämlich, richtig verstanden, nicht um ein menschenzentriertes, sondern um ein sehr offenes, auf alle Lebewesen erweiterbares Konzept, das heute grösste Aktualität in Anspruch nehmen kann.

Schon rein etymologisch steht doch aber auch im Humanismus der Mensch im Zentrum.

So eindeutig ist das nicht, denn das Wort «Humanismus» kommt eigentlich von «humare», und das wiederum referiert weniger auf den Menschen als auf die Erde, den Humus und die Praxis des Bestattens. So gesehen steht mit dem Wort primär die Sterblichkeit im Mittelpunkt, und die betrifft beileibe nicht nur den Menschen, sondern verbindet diesen vielmehr mit vielen anderen Formen des Lebens.

Ideengeschichtlich gesehen jedoch kreist der Humanismus, wie er seit der Renaissance aufgekommen ist, unbestreitbar um den Menschen und dessen ureigenes Wesen. Wie passt das zu der übergreifenden Offenheit?

Er kreist wohl um den Menschen, aber keinesfalls in exklusiver Weise. Gerade die Renaissance spiegelte den weiteren Begriff des «Humanen»: In Pico della Mirandolas Schrift «Über die Würde des Menschen» etwa stand der Mensch zwar in der Mitte – aber in der Mitte einer grossen Stufenleiter, die von den Pflanzen und den Tieren bis zu den Engeln und letzten Endes bis zu Gott reichte. Man findet darin die antike Vorstellung von der Graduierung des Seins; in seinen Wurzeln ist der Humanismus demnach keine Anschauung, die dem Menschen irgendwelche Sonderstellungen zuschreibt, sondern einfach die Entwicklungsmöglichkeiten vom Tier bis zum Engel als Horizont menschlicher Selbstgestaltungen und Unterscheidungen umreisst.

Auf eben diesen Unterscheidungen liegt der Fokus der Definitionen, die Philosophen über Jahrhunderte vom «Menschen» – dem lachenden, nichtohrwackelnden oder vernünftigen Tier – zu geben versucht haben. Nietzsche bezeichnete den Menschen als das «nicht festgestellte Tier» – ist er das noch immer oder was sonst ist er heute?

Abgesehen davon, dass ich an Entitäten wie «der Mensch» und «das Tier» nicht mehr wirklich glaube und fest überzeugt bin, dass man gedanklich vorankäme, wenn man die Suche nach spezifischen Merkmalen und Gattungsunterschieden aufgäbe, würde ich sagen: Ja, das ist nach wie vor eine sehr aktuelle Definition. Wobei man jetzt erst zu entdecken beginnt, dass mit Nietzsche ausgerechnet jener Philosoph, der so gerne mit der Idee des Übermenschen assoziiert wird, im Grunde sehr tiernah, sehr zoophil argumentiert hat. Für Nietzsche war der Mensch eine Art des Tiers, und ich habe Nietzsche eigentlich immer mehr als einen Tierphilosophen in der Tradition Schopenhauers gesehen denn als jemanden, der die Verbesserung und Vervollkommnung des Menschen im Blick hatte.

Das «nicht Festgestellte» als Möglichkeit und Drang, sich stetig weiterzuentwickeln und «übend» ein – vielleicht ungeahntes – Potential zu entfalten, ist Ihrer Ansicht nach also nicht etwas, was den Menschen charakterisiert?

Nicht im Unterschied zu anderen Lebewesen! Eine Diskussion über den Menschen kann man heute in meinen Augen nur dann sinnvoll führen, wenn man versucht, von den Oppositionen zwischen Natur…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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