Homo informaticus

Die Informatik ist aus dem Traum geboren, intellektuelle Arbeit zu vereinfachen. Das war vor über 300 Jahren. Heute ist die Vision Realität: Die Informatik hat sämtliche Sphären erobert und ist dabei, die Lebensqualität von Milliarden von Menschen zu steigern – oder sie in die digitale Demenz zu führen.

In der Nacht vom 17. August 2013 stiegen um 0.51 Uhr sämtliche Google-Dienste aus. Der Ausfall dauerte nur vier Minuten. Doch diese kurze Zeit reichte aus, um uns eine Abhängigkeit vor Augen zu führen, deren Bedeutung in Zukunft rasant wachsen dürfte: Informatik- und Kommunikationstechnologien haben ein globales Nervensystem geschaffen, welches das private und berufliche Leben von Milliarden von Menschen prägt und das Potential in sich trägt, die Qualität des Lebens dieser Menschen enorm zu steigern. Aber: was ist das eigentlich, Informatik?

Informatik ist sicherlich nicht die erlernte Kompetenz im Umgang mit Computern oder Softwareprodukten wie Word oder Excel – denn auch eine bestandene Führerscheinprüfung macht ja niemanden zum Physiker oder Maschinenbauer. Eine simplifizierte, aber dafür allgemein verständliche Definition beschreibt die Computerwissenschaft als Lehre von den Grenzen und Möglichkeiten der Automatisierung der Arbeit, wobei ein besonderer Fokus auf die Automatisierung von intellektueller Arbeit gerichtet ist.

Schon in der Antike tüftelte Heron von Alexandria an automatisch betriebenen Tempeltüren, und die Erfindung der Spinnmaschine feuerte jene Dynamik an, die wir als industrielle Revolution kennen. Ganz einfach und abstrakt betrachtet bedeutet Automatisierung, den Weg zu einem gesetzten Ziel so weit wie möglich zu vereinfachen und den dafür nötigen Aufwand zu minimieren. Die Automatisierung setzte ein, als Menschen begannen, entdeckte Vorgehensweisen so zu formulieren, dass jeder und jede sie erfolgreich verwenden und umsetzen konnte – unabhängig vom Verständnis für das Funktionieren und den Ursprung der Methode.

So waren schon antike Bauarbeiter beim Bauen von rechtwinkligen Ecken auf die Nutzung des Satzes des Pythagoras angewiesen. Er besagt, dass in allen ebenen rechtwinkligen Dreiecken die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem Flächeninhalt des Hypotenusenquadrates ist. Oder wie im Mathematikunterricht: a2 + b2 = c2. Die Bauarbeiter brauchten nicht den Satz zu verstehen oder beweisen zu können, sie mussten nur zur Herstellung des rechten Winkels ein Dreieck mit Seitenlängen 3, 4 und 5 Einheiten aufspannen.

Um nun die Bedeutung der bisherigen und kommenden Automatisierungswellen verstehen zu können, bedarf es einer Zeitreise in die Vergangenheit, die wir im späten 17. Jahrhundert beginnen lassen.

«Lasst uns rechnen, meine Herren!»

Die ersten fortgeschrittenen Gedanken über die Automatisierung der intellektuellen Tätigkeiten finden wir beim deutschen Universalgelehrten Gottfried Leibniz («Discours de métaphysique» von 1686 und «Principes de la nature et de la grâce fondée en raison» von 1714). Leibniz hat wegweisende Gedanken zur Mathematik und ihrer Rolle für die Gesellschaft angestellt. Er hat die Mathematik als eine spezielle Sprache gesehen, in der Menschen absolut genau formulieren und mit entsprechender Zuverlässigkeit argumentieren können. Sein berühmter Satz «Lasst uns rechnen, meine Herren!» zielte darauf, alle Streitigkeiten und Auseinandersetzungen aus der Welt zu schaffen, indem alle Probleme der realen Welt in der Sprache der Mathematik abgefasst würden, um sie dann mittels mathematischer Instrumente (wie beispielsweise der Analysis) korrekt zu lösen. Damit, so Leibniz’ Überlegung, würden alle Diskussionen unnötig werden. Hinter Leibniz’ «Automatisierung der intellektuellen Tätigkeit» stand nichts weniger als die Idee, Entscheidungsprozesse radikal zu vereinfachen und Problemstellungen «automatisch» mit zuverlässigen mathematischen Methoden statt mit kontroversen Spekulationen und Debatten zu lösen.

Leibniz’ mathematische Exaktheit war nur um den Preis eines relativ kleinen Vokabulars von Begriffen zu haben, da nur wenige von ihnen das Kriterium der exakten Bedeutung erfüllen konnten. Die realen Problemsituationen der Welt mussten also exakt definiert sein, um sie vernünftigerweise in die Sprache der Mathematik überführen zu können. Die damalige Mathematik mit ihrem noch recht eingeschränkten Vokabular war zu schwach, um dieses Ziel bei allen Problemstellungen erfolgreich zu erfüllen – und deshalb träumte Leibniz von der Weiterentwicklung der Sprache der Mathematik und von einem einfachen «rechnerischen» Satz von Regeln für logische Argumentation, mit denen man ein automatisches Problemlösen erreichen könnte.

Der Traum…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»