Hisbollah trotzt Israel

Dank einer ausgeklügelten Raumverteidigung konnten
die Hisbollahkämpfer den Krieg politisch für sich entscheiden

Nachdem der Krieg im Libanon minde-stens vorübergehend durch den UN-Sicherheitsrat beendet wurde, drängt sich eine Beurteilung des Kriegsgeschehens und dessen Endes auf. Der Krieg hat auf beiden Seiten zu Toten unter der Zivilbevölkerung und zu Verlusten unter den Kampftruppen geführt. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass die Auswirkungen auf libanesischer Seite jene Israels um ein Mehrfaches übertreffen. Abgesehen von der Million geflohener und den über tausend toten Libanesen, dürften die Schäden durch die Zerstörung der libanesischen Wirtschaft und Infrastruktur mehrere Milliarden kosten. Während die EU wie üblich für den materiellen Wiederaufbau aufkommen dürfte, müssen die Toten und die zahlreichen Invaliden und Waisen als bleibende und nicht wiedergutzumachende Kriegsfolgen betrachtet werden.

Wie steht es nun aber mit dem Kriegsende und den erreichten Kriegszielen? Aufgrund der Uno-Resolution ist Israel beinahe gleich weit wie vorher. Der Hisbollah existiert nach wie vor. Schlimmer noch: die Regierung Olmert hat verschiedene der von ihr gesetzten Kriegsziele verfehlt, so die Entwaffnung des Hisbollah. Die Führung des Hisbollah hat den israelischen Luft- und Bodenangriffen standgehalten, allerdings zu dem ernormen Preis, dass Teile des Libanons zerstört wurden. Der Hisbollah und damit die sie stützende Macht, der Iran, müssen als die wahren Sieger des Krieges bezeichnet werden. Zu den Verlierern gehören Israel und die Regierung Olmert, die Bush-Administration, die Israel zum Feldzug ermuntert hat, und die libanesische Bevölkerung. Die Niederlage Israels und der USA wird Folgen für die strategische Lage im Mittleren Osten haben. Die Glaubwürdigkeit der Bush-Administration in der Region ist am Ende, und kein Araber wird sich in Zukunft vor der israelischen Kriegsmaschinerie noch fürchten.

Mit welcher Konzeption hat der Hisbollah-Führung dem israelischen Angriff standgehalten? Die Hisbollah-Kämpfer haben den Angriff der israelischen Streitkräfte dank einem Netz von vorbereiteten Sprengsätzen und Minen, Hindernissen und Tunnels aufgehalten. Das zentrale Element der Abwehr waren die beweglichen Hisbollah-Kämpfer. Diese Infanteristen, die eine gründliche Ausbildung in Guerilla-Taktik haben, sind mit den modernsten Mitteln des Nachtkampfes, wie etwa Nachtsichtgeräten, ausgerüstet. Die durch den Hisbollah aufgebaute und eingesetzte Konzeption war nichts anderes als die klassische Raumverteidigung. Da der Angriff der Israeli auf die vorbereiten Stellungen auflief, konnten die Hisbollah-Kämpfer mit ihrer Konzeption der Raumverteidigung den Israeli erhebliche Verluste zufügen und den Krieg politisch für sich entscheiden.

Interessant ist, dass die Schweiz sich früher, mit der Konzeption der militärischen Landesverteidigung vom 6.6.1966, auf die gleiche Art verteidigen wollte. Nach dieser Konzeption, die bis zur Einführung der «Armee XXI» gültig war, sollte ein militärischer Gegner, der die Schweiz angriff, durch ein flächendeckendes Abwehrsystem von vorbereiteten Sprengobjekten, Hindernissen, Minensperren und mechanisierten Gegenschlägen systematisch abgenützt werden. Die Kenntnis dieser Vorbereitungen sollte den Gegner von einem Angriff abhalten. Die Wirksamkeit dieser Konzeption ist durch den Libanon-Krieg bestätigt worden.

Im Rückblick muss festgehalten werden, dass die Vordenker der «Armee XXI» die Entwicklung der möglichen, der wahrscheinlichen und der gefährlichsten Fälle unzulänglich beurteilt haben, weil sie bei der Neugestaltung weder das Kriegsgeschehen der neuesten Zeit adäquat berücksichtigten, noch die Erfahrungen der klassischen Strategie – beispielsweise das militärische Werk «Dell’Arte della Guerra» (1521) des Florentiners Niccolò Machiavelli («Svizzeri sono liberissimi e armatissimi») – oder gar die Geschichte des Überlebens unseres Kleinstaates, der immer wieder geschickt in Kombination mit der Neutralität laviert hat. Das Konzept der Raumverteidigung ist allzu leichtfertig aufgegeben worden. Im Prinzip wurde dadurch Verteidigungsfähigkeit der Schweiz beseitigt. Warum dies alles? Weil in Bern jene Kreise an Einfluss gewinnen, denen an der Eigenständigkeit der Schweiz wenig liegt und die unser Land möglichst schnell in eine Nato- und EU-taugliche Strategie integrieren möchten. Dazu gehört auch die Errichtung einer Profi-Interventionstruppe aus kampffähigen Rambos im Rahmen des Entwicklungsschrittes 08/11 sowie der Verzicht auf einen wirksamen Zivilschutz und die Entmündigung der Wehrmänner durch ihre persönliche Entwaffnung.

Den Preis für diese Selbstaufgabe werden kommende Generationen hoffentlich nicht zahlen müssen.

Albert A. Stahel, geboren 1943, ist seit 1980 hauptamtlicher Dozent an der Militärischen Führungsschule in Au (Zürich) und Titularprofessor an der Universität Zürich. Er ist Mitglied des Instituts für Strategische Studien in London.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»