Hi-Tech-Hippies  in stürmischen Gewässern
Randolph Hencken ist Managing Director des «Seasteading Institute».

Hi-Tech-Hippies
in stürmischen Gewässern

Die Idee, schwimmende Inseln zu bauen, deren Bewohner sich auf hoher See zu neuen (Minimal-)Staaten zusammenschliessen können, ist längst Gegenstand von Filmen und Romanen. Aber: wann läuft die Idee endlich vom Stapel? 

Herr Hencken, als ich meinen Kollegen von den Projekten des Seasteading Institutes – in naher Zukunft sich selbst versorgende Hi-Tech-Inseln zu bauen, damit sie in internationalen Gewässern schwimmende Kleinstaaten bilden – berichtet habe, fragten sie mich: Sind das eigentlich Hippies? Mir scheint, das ist eine gute Eingangsfrage.
(Lacht) Es kommt vor, dass man uns und unser Institut so wahrnimmt. Vielleicht liegt es daran, dass Patri Friedman, Enkel von Milton Friedman und ehemaliger Vorsitzender, am Burning Man Festival herumspazierte, als ihm zum ersten Mal die Idee vom Seasteading durch den Kopf ging.

In der Wüste von Nevada kam ihm die Idee, schwimmende Kleinstaaten auf dem Meer zu gründen? Vielleicht war da nicht nur die Hitze im Spiel …
Ernsthaft: Patri war aufgefallen, dass die Festivalstadt jedes Jahr völlig neu strukturiert ist, weil die einzelnen Camps immer wieder neu aufgebaut werden – und dass sich dadurch unterschiedlichste Verwaltungsformen im Miniaturformat ausbilden. Die Menschen können beim Burning Man vorher wählen, mit wem sie campen wollen und wer ihre Nachbarn sein sollen – auf dieser Freiheit beruht das ganze Experiment. Wenn das an Hippies denken lässt: okay. Andererseits: 70 000 Menschen besuchen jedes Jahr das Festival. Und Hunderttausende träumen davon, hinzugehen. Die Elite aus dem Silicon Valley und der ganzen Welt kommt dort zusammen. Das ist der Seasteading-Idee nicht unähnlich: sie zieht Tausende von intelligenten, zukunftsorientierten Menschen aus der ganzen Welt an. Kreative Pioniere eben!

Euer Ausgangspunkt allerdings war das libertäre Ideal eines Nichtstaates, genauer: einer Privatrechtsgesellschaft.
Stimmt.

In der Vergangenheit scheiterten ähnliche Projekte, wie beispielsweise «Galt’s Gulch» in Chile, grandios. Auch das deutlich weniger ambitionierte Free-State-Projekt in New Hampshire kommt kaum vom Fleck. Was macht ihr anders?
Wir sind wirklich nicht die ersten, die von freiheitlichen Enklaven träumen. Aber unsere Umsetzungsidee ausserhalb der etablierten Nationalstaaten und Grenzen – da bleibt eben nur noch der Ozean! – ist radikal. Und sie ist auch radikal neu. Genau aus diesem Grund braucht es etwas Zeit, bis wir die für ein solches Projekt geeigneten Menschen mit dem nötigen Fachwissen und praktischer Erfahrung zusammentrommeln können. Aber: wir sind mittendrin.

Euer Institut gibt es nun seit 2008, in einem Beitrag für diese Zeitschrift hat Patri Friedman 2013 gesagt, er wolle bis 2023 «sehen, wie die Zahl jener Gruppen explodiert, die auf dem Ozean zu leben versuchen». Fünf Jahre später habt ihr, pardon, noch immer keine Boje aufs Wasser gebracht. Warum nicht?
In den letzten zehn Jahren seit der Gründung des Instituts ist viel passiert: Aus ihm ist das Unternehmen «Blue Frontiers» hervorgegangen, ausserdem ein ICO, mit dem man sich ins Seasteading einkaufen kann. Bereits letztes Jahr haben wir eine Vereinbarung mit der Regierung von Französisch-Polynesien unterzeichnet, um eine Art Sonderwirtschaftszone einzurichten. Weil in diesem Jahr Wahlen vor Ort sind, hat die Regierung ihre Verpflichtungen uns gegenüber zwar bisher nicht erfüllt – das ist ärgerlich, aber keine Katastrophe: Wir gehen weiterhin davon aus, dass die Sache Aussicht auf Erfolg hat, erhöhen gleichzeitig aber den Druck, indem wir Konkurrenten für Französisch-Polynesien in Stellung bringen. Nicht umsonst haben wir eine Million US-Dollar gesammelt und in die Forschungsbereiche Engineering, Wirtschaftsrecht und Umweltschutz investiert. Als Bewegung bleibt uns viel Zeit, um uns zu beweisen, aber wir haben durchaus schon konkrete Resultate erzielt; dazu gehört auch das Projekt «Ephemerisle».

«Unser Projekt ist nicht mehr der feuchte Traum eines jeden Anarchisten, aber durchaus noch sexy genug.»

Was ist das?
Ein schwimmendes Musikfestival im Sacramento River Delta in Kalifornien. Obwohl wir die Organisation dafür wieder abgegeben haben, treffen sich weiterhin jedes Jahr 600 Menschen mit ihren Schiffen und bilden für eine Woche ein Gelände mit kleinen Inseln und Übergängen.

Okay, das ist sicher ein Anfang, die Sache mit der Boje muss ich zurücknehmen. Aber bleiben wir bei der Entwicklung: Sie haben die verschiedenen Forschungsbereiche Ihres Instituts bereits genannt. Stichwort Engineering: wie weit sind Sie da? Welche Probleme, die am Anfang des Projekts nicht bedacht wurden, tauchten auf? Und welche wurden gelöst?
Unser erster Ansatz bestand darin, Projekte auf dem offenen Meer anzusiedeln. Dazu braucht es die Technologie für ein sehr grosses Schiff oder eine Plattform, und beides ist in finanzieller Hinsicht nicht trivial. Die nächste Idee war, viele kleinere Schiffe zu verbinden und zu Städten wachsen zu lassen. Wir ermutigten unsere Leute, Unternehmen zu gründen, die ausserhalb von Staatsgrenzen operieren. Um das Jahr 2012 herum kam ich zum Schluss, dass Siedlungen auf dem offenen Meer wohl zu teuer sind. Warum sich also nicht in Ufernähe in einer Sonderwirtschaftszone niederlassen?

Das setzt allerdings die Erlaubnis eines Gastgeberstaates voraus, was die Freiheiten gleich wieder einschränkt, oder?
Mit ihm muss man einfach eine Balance finden: Wir bieten ökonomische, umwelttechnische und soziale Vorteile, indem wir neue Technologie, Know-how, Unternehmer und Arbeit mitbringen, und er gewährt uns genug Autonomie, um diesen Ort ausreichend attraktiv für die besten Ideen und Innovatoren zu machen. Je nachdem, wie die Balance aussieht, kann man dann weitermachen – oder sistieren. Wir haben weitergemacht.

Wie sieht das Verhältnis zwischen den möglichen Seasteading-Gemeinschaften und dem Küstenstaat, der sie toleriert, ganz konkret aus?
Für das konkrete Projekt in Französisch-Polynesien hatten wir Steuerfreiheit, Kontrolle über unsere Finanzmittel, den Aufbau und die Verwaltung der Seasteads ausgehandelt. Im Zuge dieser Anstrengungen, die sich nun an dieser Stelle noch nicht auszahlen, haben wir alle nötigen Grundlagen auch für andere Orte erarbeitet: Die Budgethoheit ist in sich selbst schon ein machtvolles Mittel, wir streben aber auch zollfreien Import und Export sowie beschleunigte Wohnsitzverfahren an, damit unsere Leute an Ort und Stelle wohnen und ihr Steuerdomizil einrichten können. Das Gute ist: wir können sehr leicht in ein anderes Land übersiedeln, falls Französisch-Polynesien sich nun querstellt. Klar, wir müssten die rechtlichen Teile für andere Rechtssysteme umarbeiten – aber unsere bisherige Arbeit kann jederzeit überallhin umziehen und müsste das ja ohnehin irgendwann können, wenn wir weltweit erfolgreich sein wollen.

Wo könnte die Utopie also doch noch umgesetzt werden?
Geeignete Orte sind relativ kleine Länder mit überschaubaren Wirtschaftssystemen. Wenn wir ein Stromprojekt für 60 Millionen Dollar umsetzen, ist das in der Schweiz überhaupt nichts. In Französisch-Polynesien mit seinen 280 000 Einwohnern und den zwei Milliarden Dollar, die es von Frankreich jährlich an Subventionen erhält, hätte bereits ein Teil dieser 60 Millionen die Wirtschaft ankurbeln können. Andere südpazifische oder südostasiatische Inseln wären ebenfalls attraktiv. Wir haben 51 Regionen gefunden, die Potenzial haben: sie sind sicher vor Hurrikanen, haben geschützte Häfen und unausgelastete Wasserwege.

Das klingt nun ziemlich pragmatisch, eher nach Paul Romers «Charter Cities», nach weiteren «profanen», staatlich überbauten Freihandelszonen, einem neuen Hongkong – wo ist das libertäre Ideal geblieben, das Revolutionäre?
(Lacht) Ich gebe zu: unser Projekt ist nicht mehr der feuchte Traum eines jeden Anarchisten, aber durchaus noch sexy genug. Seasteading ist mittelfristig ein Bonus für jedermann. Nur so kannst du, indem du mit deinem Zuhause in See stichst, wählen, welchen Leuten du dich anschliesst, seien das Konservative, Sozialisten oder Überlebenskünstler. In modernen Demokratien müssen sich die 49 Prozent immer den 51 Prozent beugen – mit einem Seastead legst du einfach ab und dockst woanders an.

Ganz ehrlich? Eine kleine, auf dem Ozean schwimmende, künstliche Insel ist für mich nicht unbedingt der Inbegriff von Grenzenlosigkeit und Freiheit.
Mobilität bedeutet Freiheit! Und wenn die Technologie es zuliesse, würden auf hoher See wohl viele neue gleichzeitig vernetzte wie unabhängige Gemeinschaftsformen entstehen, auch solche, die alles teilen…

…na, dann doch lieber die einsame Insel! Allerdings: es ist schon auffällig, dass sich das Institut nicht mehr ausschliesslich an die Mitglieder einer anarcho-liberalen Gemeinde richtet. Von der Website sind die prominenten Zitate libertärer Vordenker verschwunden. Warum?
Wir haben erkannt, wie viel Potenzial die Idee auch für Menschen ausserhalb der Nische besitzt. Tausende von Gemeinschaften werden durch den Anstieg des Meeresspiegels bedroht, die Gewässer sind überfischt und verschmutzt. Wir wissen: in den Meeren steckt mehr Energie, als wir brauchen, wenn wir sie nur anzapfen. Durch Meeres- und Umwelttechnik – «Blue Technologies» –, privatisierte Hochseezonen, die die umliegenden Bereiche schützen, und die neue Infrastruktur für Seasteads können wir nicht nur libertäre Pioniere glücklich machen, sondern auch einige der grössten globalen Probleme lösen.

Wie weit sind Sie also technisch?
Wir erkannten schon in der Aufbauphase: wir wollen die schwimmenden Plattformen nicht nur konzipieren, sondern auch produzieren. Dazu müssen wir auch nichts bahnbrechend Neues machen, wir interpretieren und kombinieren gewisse Technologien nur neu. Unser grösstes konkretes Projekt betrifft aktuell die Stromproduktion: geplant sind schiffähnliche Plattformen von 25 mal 25 Metern, die eine ganze Familie mit Strom versorgen und als Wohn- oder Gemeinschaftsgebäude dienen sollen. Die Anlagen sollen nachhaltig sein und für Hunderte von Jahren auf dem Meer bleiben können, ohne zum Problem zu werden. Sie sollen das Wasser nicht verschmutzen, brauchen deshalb ein System zur Abfallentsorgung usw. Die erste Plattform wird noch ziemlich teuer sein, aber die dreissigste vielleicht schon für jeden erschwinglich.

Das klingt angesichts der Entwicklung in Französisch-Polynesien ziemlich optimistisch.
Ich bin Optimist! Schauen Sie: im Jahr 1920 wäre es unmöglich gewesen, so zu leben, 1950 noch sehr schwierig. Heute können wir es. Vor zehn Jahren gab es ein paar Menschen, die sagten: wir brauchen eine Möglichkeit, Geld ohne Einmischung durch den Staat und die Banken auszutauschen und die Marktwirtschaft zu dezentralisieren. Wer waren diese Verrückten, die Kryptowährungen verwendet haben? Eine Handvoll durchgeknallter Anarchisten. Wenn wir unser Projekt 2002 gestartet hätten, hätten viele von ihnen noch keinen Rappen investieren können, aber im letzten Jahr ist dann sogar viel Geld von der Wall Street in die Kryptowährungen geflossen! Ich glaube: wenn man Bitcoin verwendet, lernt man zu verstehen, was Dezentralisierung bedeutet, mehr noch: was Autonomie und Kontrolle über das eigene Leben wert sind. Der Zeitgeist geht genau in diese Richtung: weg von der Zentralisierung, hin zu mehr Autonomie in unseren Leben. Und genau das bietet am Ende auch ein Seastead.

Zu Beginn hat Paypal-Gründer Peter Thiel das Projekt finanziell unterstützt. Warum hat er sich zurückgezogen?
Thiel war mit mehr als einer halben Million Dollar der grosszügigste Geldgeber des Instituts. Er sagte irgendwann, wir seien weitergekommen, als er es sich erträumt habe. Ich glaube allerdings, die Vorstellung, einen eigenen Staat zu gründen und unabhängig zu sein, wird viel komplizierter oder sogar unnötig kompliziert, wenn man so erfolgreich ist wie Peter Thiel oder Elon Musk. Vielleicht wird es, wenn man keine echten ökonomischen Sorgen mehr hat, auch unrealistisch, gesellschaftlich mehr zu wollen – und dann konzentriert man sich eben auf ganz andere Ideen und Ideale.

Nun arbeiten Sie unter anderem mit Crowdfunding. In welche Projekte sollen die vielen getätigten Mikroinvestments am Ende fliessen?
Wir verwenden unsere Gelder immer nur für den nächsten technologischen Schritt, die Entwicklung läuft rundenweise, denn wir müssen wachsen, um eine Versorgungskette aufzubauen. Sobald unser nächstes Crowdfunding erfolgreich ist, sollten wir genügend Geld haben, um unseren ersten Prototypen zu bauen. Danach können wir Bestellungen annehmen und die ersten Einheiten verkaufen.

Hand aufs Herz: werden Sie irgendwann auf einem Seastead leben?
(Lacht) Ja. Ich arbeite so hart, weil ich mich darauf freue, irgendwann morgens an meiner Lagune aufzuwachen, kitesurfen zu ­gehen und das Leben zu geniessen. Und: wollten Sie nicht auch immer schon Teil einer vielleicht weltverändernden Bewegung sein, an der Spitze einer neuen Technologie?

Nein, nicht zwingend.
Ich schon – und viele andere auch! Ich war in Indonesien und in Dubai, jetzt bin ich hier in der Schweiz, bald fliege ich nach Japan. Auf der ganzen Welt habe ich Menschen von diesem Projekt berichtet, und egal, ob mich die Leute, denen ich davon erzählt habe, für verrückt hielten oder nicht – sie finden die Idee spannend.

Spannend ist sie sicher. Aber was, wenn ich die «zufällig» zusammengewürfelte, heterogene Gesellschaft nun einmal der «homogenen» Gemeinschaft, die über die Seasteads wohl zunächst entstehen würde, vorziehe? Ich zahle in der Schweiz rund zwanzig Prozent mehr Steuern, als ich es bei Ihnen tun müsste, ja. Aber das ist für mich nachvollziehbar, solange die Gegenleistung in Form allgemeiner Lebensqualität stimmt. Halten Sie das für falsch?
Natürlich nicht! Die Welt ist gross. Es gibt acht Milliarden Menschen – und je vielfältiger es zugeht, desto besser.

Vielleicht doch ein Hippie?
(Lacht. Schaut auf die Uhr) Stimmt, ich muss los: bald ist wieder Burning Man!

Markt des Zusammenlebens
Freiheit mit Blick aufs Meer. Erste Versuche, privatstadtähnliche Gemeinwesen einzurichten, gibt es auf der Karibikinsel Roatan, photographiert von Titus Gebel.
Markt des Zusammenlebens

Ihre Bürger sind Kunden und Dienstleister, Obrigkeiten und Untertanen gehören der Vergangenheit an: die «Freie Privatstadt» könnte das menschliche Zusammenleben revolutionieren. In Honduras wird diese vermeintliche Utopie gerade Realität.

Arrival Cities: <br /> Konkurrenz für die Entwicklungshilfe!
Bis zu 10.000 Flüchtlinge leben im syrischen Flüchtlingscamp Nizip in der Nähe der türkischen Stadt Gaziantep. Bild: Andrew Parsons / Polaris / laif.
Arrival Cities:
Konkurrenz für die Entwicklungshilfe!

Entwicklungshilfe ist oft wirkungslos, und die Ärmsten haben wenig davon: materielle Not bleibt die globale Fluchtursache Nummer eins. Dabei könnte man mit speziell zugeschnittenen Einwanderungsstädten aus dieser Lose-lose- eine Win-win-Situation machen.