«Heute habe ich eine Dampfmaschine gebaut»
Kitty Joyner wurde 1939 als erste Ingenieurin vom National Advisory Committee for Aeronautics eingestellt. Bild: NASA.

«Heute habe ich eine Dampfmaschine gebaut»

Damit junge Frauen MINT-Studiengänge belegen und zu dringend gesuchten Fachkräften wie Ingenieurinnen werden, benötigt es mehr weibliche Vorbilder und ein Umdenken der Firmen.

 

Gemäss Fachkräftemangelindex Schweiz1 hat der Fachkräftemangel in der Deutschschweiz seit 2016 um 25 Prozent zugenommen. Die Liste jener Berufe, in denen am meisten Fachkräfte gesucht und nicht gefunden werden, wird angeführt von den Ingenieurberufen. Und dort mangelt es vor allem an Frauen – aktuell sind gerade mal knapp 16 Prozent aller Ingenieure in der Schweiz weiblich. Weshalb so wenige? Verschiedene Studien bestätigen die entscheidende Rolle des «Selbstverständnis von Können» in bezug auf die Technik. Für viele junge Frauen entspricht das Bild von Wissenschaft und Technik und ihren Berufen nicht der Vision ihres Idealberufs. Wir sollten ihnen aufzeigen, um was es beim Ingenieurberuf letztendlich geht: die Welt zu verbessern.

Nehmen wir zum Beispiel die Leistungen von Mädchen und Jungen in den Schulfächern Mathematik und Physik. Es ist bekannt, dass diese beiden Zweige in der Wahrnehmung junger Menschen stark mit männlichen Merkmalen assoziiert werden. Aus der MAS-Dimension (Maskulinität/Femininität) von Hofstede Insights, welche die Aufteilung der Geschlechterrollen in einer Gesellschaft aufzeigt, sind auch Hinweise auf strukturelle Begebenheiten herauszulesen. Eine hohe Zahl deutet auf eine von Männern dominierte Kultur hin, in der klar zwischen ausschliesslich weiblichen und ausschliesslich männlichen Rollen unterschieden wird.

Mit einem Wert von 70 kann die Schweiz als ein männliches Land betrachtet werden. Auf der anderen Seite gehören skandinavische Länder zu den Ländern mit einer betont weiblichen Kultur. Doch Fortschritte sind sichtbar: Obwohl sich bei den MINT-Fächern hierzulande lange nichts geändert hat, ist der Frauenanteil an der ETH Zürich in den letzten 20 Jahren erfreulich von rund 18 Prozent im Jahr 1990 bis heute auf über 35 Prozent angestiegen. In einigen Berufsgruppen, etwa in der Pädagogik, der Medizin und in sozialen Berufen, sind diese Veränderungen schneller eingetreten.

Die Statistiken sind aufschlussreich: In der Arbeitswelt, insbesondere in den Führungsetagen, sind Frauen noch immer in einer Minderheitsposition. Für die künftige Entwicklung unserer Wirtschaft kann es nur von Vorteil sein, unter Bereitschaft zur Veränderung und mit kreativen Ansätzen einen Dialog über Unternehmensstrukturen und -kultur zu führen. Es braucht konkrete Anstrengungen von Seiten der Unternehmen, etwa um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter zu stärken. Das Ziel, dass alle Menschen in den jeweiligen Unternehmen zu ihrer vollen Zufriedenheit arbeiten können, kann erreicht werden. Um Frauen den Beruf der Ingenieurin schmackhaft zu machen, muss man ihnen aufzeigen, dass das MINT-Feld viele berufliche Per­spektiven eröffnet. Eine neue Generation kann und wird das Ruder übernehmen und einen strukturellen Wandel herbeiführen.

Typische männliche und weibliche Verhaltensweisen und Rollenmodelle sind jedoch immer noch sehr widerstandsfähig, sie werden im Alltag auch ständig reproduziert. Es braucht also erfolgreiche, spannende und interessante weibliche Vorbilder im MINT-Bereich, die Mädchen ermutigen, den traditionellen Geschlechterrollen zu entfliehen. Damit Ingenieurinnen und Technikerinnen auf dem Arbeitsmarkt zur Norm werden, sollte jedes kleine Mädchen im Schweizer Kindergarten einmal im Jahr seine Familie mit der Botschaft überraschen: «Heute habe ich eine Dampfmaschine gebaut.»

  1. Fachkräftemangelranking der Adecco-Gruppe Schweiz und des Stellenmarkt­monitors der Universität Zürich. Download auf ssi.springprofessional.ch.

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