Heuchlerische Ehekritiker

Während nun auch Deutschland bei der «Ehe für alle» vorwärtsmacht – gemeint ist dabei die Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare –, steht die Schweiz weiter still. Zwar hat die grünliberale Politikerin Kathrin Bertschy bereits vor vier Jahren einen Vorstoss eingereicht, doch das Parlament ziert sich. Erst einmal will man in den nächsten zwei Jahren nochmals ganz genau abklären, welche Auswirkungen ein solcher Schritt für unser Rechtssystem hätte. Offiziell genannt werden dabei Steuer- und Sozialversicherungsrecht, Adoptionsrecht und Fortpflanzungsmedizin. Tatsächlich umstritten sind allerdings bloss die beiden letzteren, welche die eingetragene Partnerschaft nicht erlaubt.

Widerstand gegen die Öffnung kam jüngst nicht nur von Konservativen, sondern auch von «Superliberalen», die statt der Ehe für alle ketzerisch die Ehe für keinen fordern. Statt einer staatlich geregelten Ehe verlangen diese Kritiker, jedes Paar möge sich doch seinen eigenen privatrechtlichen Vertrag zurechtschneidern, so käme jeder zu seiner absoluten Freiheit, womöglich gar zu dritt. Mit Verlaub, solche Forderungen sind Heuchelei. Die Ehe entspricht nämlich dem liberalen Gedanken: Sie ist ein preiswerter, standardisierter Vertrag, der auf Solidarität setzt und in unvorhergesehenen Lebenssituationen die Angehörigen absichert. In Verantwortung füreinander wird der Staat entlastet. Durch eine langjährige Rechtspraxis und die stete (teils etwas langsame) Anpassung an neue Umstände ist die Ehe deshalb für Paare, besonders mit Kindern, nach wie vor attraktiv und unbürokratisch. Teuer und kompliziert wird es für die Beteiligten und den Staat im Gegenteil bei ungeregelten Beziehungen. Rasch kann es beispielsweise im Streit um Unterhalt oder Erbe zum Chaos kommen.

Die Ehe hat sich bewährt. Wer sie pauschal als Staatsakt disqualifiziert, macht es sich zu leicht. Vielmehr drängt sich der Schluss auf, dass die Forderung zum jetzigen Zeitpunkt wohl weniger mit Sorge um den Liberalismus als mit anderen (weit weniger liberalen) Widerständen zu tun hat.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»