Herr Riederer und die Wut

Öffentliche Äusserungen von Wut sind dieser Tage allgegenwärtig. Längst dient die inszenierte Rage zur Beglaubigung von Authentizität – und wird so zum allgegenwärtigen Medienereignis. Aber was ist die Wahrheit der Wut? Jens Steiner schustert sich einen Zeitgenossen zusammen und macht sich in dessen Alltag auf die Suche.

Herr Riederer und die Wut
Illustration von Christina Baeriswyl.

«Sein Name sei Riederer. Herr Riederer. Kein Vorname, weil nicht notwendig. In jeder Hinsicht ein Kind unserer Tage. Ja, wir müssen uns Herrn Riederers Zeitgenossenschaft als absolut vorstellen. Man könnte schalkhaft sagen, der Mann sei heutig mit Haut und Haaren. In Wahrheit ist er eine papiergewordene Ausgeburt des Autors dieser Zeilen. Richtig, Herr Riederer ist pure Fiktion und trotzdem durch und durch ernst zu nehmen, weil, wie gesagt, unser aller Zeitgenosse.

Herrn Riederers Leben ist einigermassen kompliziert, dennoch gibt bereits eine Schnellskizze uns ein greifbares Bild davon. Kleinbürgerliche Herkunft, allmählicher Aufstieg bis zur Phase, die, wer will, Midlife nennen darf, seither Stagnation. In beruflicher, pekuniärer, sozialer und amouröser Hinsicht. Was Herrn Riederer nicht gross stört. Man findet mit der Zeit andere Werte beziehungsweise sucht sie noch. Versicherungsjurist bei einer Krankenkasse, hat er sich nach und nach seinen Platz in der internen Weiterbildung erarbeitet. Lohn anständig. Er war zehn Jahre verheiratet, mittlerweile ist er noch länger Single. Als solcher glücklich? Herr Riederer weiss es nicht. Ausgesprochen unglücklich jedenfalls nicht. Und sonst? Vater zweier Kinder, Daniel und Saskia, beide auf gutem Weg, sprich, im allmählichen Aufstieg Richtung Midlife begriffen. Mit seiner Ex-Frau hat Herr Riederer regelmässig Kontakt. Wenn sie sich im Restaurant treffen, kommt er sich vor wie bei einem Geschäftsessen. In der Freizeit Schachclub, Nachhilfe in Rechnen und Standardtänze. Seine Tanzpartnerin steht sonst auf jüngeres Gemüse, will mit den Frischlingen aber nicht aufs Parkett. Um die Skizze abzurunden: Durchaus sich mitten im Leben befindend, scheint es Herrn Riederer zuweilen, als ob es irgendwo eine wahre Mitte gäbe, die nie zu erreichen ist. Was ihn mit milder Melancholie erfüllt. Er gehört, unschwer zu erkennen, zur nachdenklichen Sorte. Allerdings ist er mit der faszinierenden Unfähigkeit geschlagen, seine Gedanken abzurunden, das heisst, sie zu einem befriedigenden Ende zu denken. Überall nur Anfänge und lose Enden. Wobei er meist selbst der Hauptclown dieser Gedankenfäden ist. So auch heute.

Heute. Heute morgen um zwanzig nach zehn, um genau zu sein. Nach der Kaffeepause, die er wegen den vier Minuten Bewegung an der frischen Luft ausser Haus zu absolvieren pflegt, direkt am Zebrastreifen ist es passiert. Er kann nur hoffen, dass kein Kollege und keine Kollegin ihm dabei zugesehen haben. Vor allem nicht Kollegin Goldinger. Aber war seine Reaktion nicht berechtigt? Auf jeden Fall, und das hätte ganz bestimmt auch Kollegin Goldinger so gesehen. Deutlicher kann man seinen Wunsch, die Strasse zu überqueren, nicht anzeigen, findet er. Er hat sogar den Fuss angehoben. Angehoben, aber noch nicht auf die Strasse gestellt. Doch da gibt dieser Autofahrer nicht nur Vollgas, sondern hupt auch noch. Und dann der Finger. Dass Autofahrer den Vortritt von Fussgängern missachten, ist alltäglich. Er selbst hat es auch schon getan, um ehrlich zu sein. Aber dieser Finger. Nein, keine Faust, Herr Riederer hat es ganz deutlich gesehen, es war ein Finger gewesen, und zwar der eine, der fiese, unflätige. Da ist er ausgerastet, hat geflucht, was das Zeug hält, mitten auf der Strasse.

Sekunden später war er bereits wieder verstummt und sein Blick hatte sich betroffen zu Boden gesenkt. Seine Schaltkreise der Scham funktionieren tadellos, was ihn durchaus erleichtert. Doch jetzt, als er beim Abendessen die Szene rekapituliert, über seine Reaktion nachdenkt und wieder einmal versucht, einen Gedanken zu einem befriedigenden Ende zu denken, da beginnt sich die Fussgängerwut des Morgens in der Wut, die er mitunter verspürt, wenn er selber am Steuer sitzt, zu spiegeln. Und diese Spiegelung produziert einen Beigedanken, der augenblicklich alle Pein verdoppelt: Sind wir nicht alle Wutpragmatiker? Anders gedacht: Ist es uns übers Ganze gesehen nicht ein bisschen egal, worauf sich unsere Wut richtet, Hauptsache, es findet sich…