Hermann Burger, Dichter dieser Zeitschrift (1942-1989)

Hermann Burger ist der Dichter der «Schweizer Monatshefte». Unser alter Zettelkasten listet über 40 Beiträge auf, die Burger für diese Zeitschrift verfasst hat, den ersten im Jahre 1968 in Form mehrerer Gedichte, den letzten 1986, drei Jahre vor seinem Suizid. Während zwei Jahrzehnten hat Burger für die «Schweizer Monatshefte» in seiner typisch obsessiven Manier Neuerscheinungen […]

Hermann Burger, Dichter dieser Zeitschrift (1942-1989)

Hermann Burger ist der Dichter der «Schweizer Monatshefte». Unser alter Zettelkasten listet über 40 Beiträge auf, die Burger für diese Zeitschrift verfasst hat, den ersten im Jahre 1968 in Form mehrerer Gedichte, den letzten 1986, drei Jahre vor seinem Suizid. Während zwei Jahrzehnten hat Burger für die «Schweizer Monatshefte» in seiner typisch obsessiven Manier Neuerscheinungen der Schweizer Literatur besprochen, säuselnd, polternd, immer passioniert. Er hat alles gelesen und das Gelesene sogleich schreibend weiterverarbeitet. Burger war eine menschgewordene Lese- und Schreibmaschine, die an selbstinduzierter Überhitzung zugrunde ging. Als würde er sich vor dem Verstummen fürchten, schrieb er immer weiter und berauschte sich immer weiter an der eigenen Sprache. Er war fixiert auf den Tod, das finale Verstummen, das grosse Schweigen, das am Ende des Wortschwalles steht, den das menschliche Leben in Burgerscher Perspektive darstellt. Als noch unbekannter Student publizierte Burger ein Gedicht in dieser Zeitschrift, dessen assoziativ gefasste Gedanken die Leitmotive seines späteren Schaffens geradezu idealtypisch vorwegnehmen:

Worte, / Steine im Brett, / fügbar zu jeder Figur, / schwarz weiss schwarz, / fügbar zu / Fuge und Gitter, / zu Muster und Klang.

Welches Wort aber beschwört / Den Schattentanz an der Wand, / schnürt das / Flammenbündel im Aug, / und welches Wort lässt die / Silbertonreihe erklingen / Im Unterwassergarten?

Worte, / Steine in der Hand, / Wasser zu treffen, Schatten und Flamme. / Graues zuckt auf, lächelnd /
weiten sich Ringelblumen und Augen / im Gewitter meiner Worte, / schwarz weiss auf Schweigegrund

Hermann Burger brachte sich am 28. Februar 1989 mit einer Überdosis Schlaftabletten zum Schweigen. Sein Geburtstag jährt sich am 12. Juli 2012 zum 70. Mal. Obwohl er zuerst bei Artemis, dann bei Fischer und später bei Suhrkamp publizierte, obwohl Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki zu seinen grössten Förderern zählte und obwohl er mit Literaturpreisen überhäuft wurde – Burger ist heute fast vergessen. Er hat sich wortgewaltig einen literarischen Kosmos erschaffen, der in seiner Überfülle und Übertreibung den unbedarften Leser gleichsam zu erdrücken droht. Die frei flottierende Burgersche Phantasie, kombiniert mit einer eigenartigen helvetischen Pedanterie in der Beschreibung auch noch der unbedeutendsten lebensweltlichen Details, ist wie alle schönen Dinge nur in Massen zu geniessen. Ein Werk wie «Schilten» (1976) oder «Die künstliche Mutter» (1982) in einem Zug durchzulesen, ist selbst für geübte Leser eine kaum zumutbare Konzentrationsleistung. Das Exzessive, die sprachschöpferische Fülle macht jedoch zugleich die ungebrochene Faszination des Burgerschen Werks aus. Der Exzentriker war ein Wortmagier von Gottes Gnaden. Er war ein Schöpfer unvergesslicher literarischer Figuren wie jener des Dorflehrers Armin Schildknecht, des Friedhoffaktotums Wigger Stefan oder des an Unterleibsmigräne leidenden Privatdozenten Wolfram Schöllkopf. Und er war ein im guten Sinne unzeitgemässer Schriftsteller. Er gehörte zu jenen seltenen Exemplaren moderner Dichter, die gegen alle Zumutungen der Zeit wiederholen: Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Der Schriftsteller, definiert Burger einmal, «muss vom leeren Blatt ausgehen, von dem, was nicht ist, was sein könnte». Der Schriftsteller setzt die Möglichkeit gegen die Wirklichkeit. Wer zu seiner Phantasie findet, ist zu allem fähig.

Burger plädierte deshalb konsequent für das, was er selbst eine «Reprivatisierung» der Literatur nannte. Den literarischen Freiraum verteidigte er gegen politische Vereinnahmungsversuche, die literarische Phantasie gegen positive politische Utopien, das schöpferische Ich gegen den Zwang gesellschaftlicher Zuordnung. «Das Kontemplative», so schreibt er in einem Aufsatz über Schweizer Literatur, «richtet sich radikal gegen die totale Vereinnahmung der Existenz durch den Staat, auch durch einen guten Wohlfahrtsstaat.» Die Option zwischen Engagement und Elfenbeinturm nannte er eine reine «Scheinalternative». Der Literat ist engagiert, wenn er das tut, was er kann: erzählen, phantasieren, imaginieren. Indem sich Burger von niemandem vereinnahmen liess, blieb er ein unbequemer Zeitgenosse und im…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»