Herausforderung Zinswende

Der Nullzins ist längst ein Negativzins, der auch den Deckungsgrad der Pensionskassen bedroht. Schon 2016 wird mit einer zinsbedingten Einbusse von rund sieben Prozent zu rechnen sein.

Herausforderung Zinswende
Die Rentenleistungen drohen unter den Negativzinsen so unaufhörlich zu schmelzen wie die Gletscher. Bild: Rhonegletscher, fotolia.

Der Nullzins ist in der Schweiz bereits überholt und abgelöst. Als Folge der Aufgabe des Mindestkurses CHF/EUR von 1.20 durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist die Schweizer Volkswirtschaft mit der Anomalie von Negativzinsen konfrontiert. Von den rund 850 Milliarden Franken Girogeldern, die bei der SNB liegen, werden rund 350 Milliarden mit einem Zins von –0,75 Prozent belastet. Dieser Raubzug spült der SNB rund 2,6 Milliarden pro Jahr in die Kasse. Noch verschonen die Banken die Schweizer Kleinsparer grösstenteils mit der Belastung durch den Negativzins. Die Pensionskassen hingegen nicht. Ihr Liquiditätsanteil von rund 5 Prozent (gemäss Risiko-Check-up 2016 der Complementa) entspricht rund 40 Milliarden Franken – so müssen sie jährlich zwischen 150 und 300 Millionen Franken an Zinsen zahlen. Dem Rentensubstrat werden diese Gelder entsprechend entzogen. Diese Enteignung der in der zweiten Säule obligatorisch versicherten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist äusserst störend und muss dringend gestoppt werden. Nur wie?

 

Problemanalyse: Höhere Verpflichtungen, tieferer Zins

Kommen wir zunächst auf den Deckungsgrad zu sprechen, also den Anteil der Verpflichtungen einer Kasse, der durch vorhandene Vermögenswerte gedeckt ist. Er schmilzt kontinuierlich ab, wenn die Vermögen einerseits mit einem Negativzins von –0,75 Prozent belastet werden, den Versicherten aber gleichzeitig gemäss jährlichem Entscheid des Bundesrats für 2015 ein Mindestzinssatz von 1,75 Prozent gutgeschrieben werden musste. 2015 kosteten die Negativzinsen mindestens 2,5 Prozent an Deckungsgrad. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs! Indirekt nagt der Negativzins noch auf einem zweiten Weg am Deckungsgrad: über den technischen Zinssatz (TZ), der die in Zukunft zu erwartende Rendite auf den Rentnerkapitalien spiegelt. Ist er tief, die Erwartungen also pessimistisch, müssen das die Kassen wettmachen, ihre aktuell berechneten Verpflichtungen steigen also. Pensionskassenexperten fordern angesichts der Tiefzinsen nun eine Reduktion des TZ von 2,75 Prozent auf 2,25 Prozent, was die Pensionskassen 2016 wegen der höheren Verpflichtungen im Durchschnitt etwa 5 Prozent Deckungsgrad kosten wird. Insgesamt also werden den Negativzinsen 2016 rund 7 Prozent Deckungsgrad zum Opfer fallen (bei einem Mindestzinssatz von 1,25 Prozent) – ein Effekt, der sich 2017 fortsetzen dürfte. Tiefere Renditen einerseits und höhere Verpflichtungen andererseits nagen gleichzeitig am Deckungsgrad.

Im Moment fangen die grundsätzlich positiven Anlagerenditen aller Anlagekategorien mit Ausnahme der Liquidität einen Teil des Druckes ab. Gemäss dem Complementa-Risiko-Check-up 2016 ist der durchschnittliche Deckungsgrad der Pensionskassen 2015 um lediglich 1,7 Prozent auf 104,1 Prozent gesunken. Doch auf lange Frist wirkt sich der Negativzins wegen dem Zinseszinseffekt auf den Anlagen dramatisch aus. Bei Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge (BVG) 1985 wurde mit einer Verzinsung von 4 Prozent gerechnet. Dagegen hat eine lang andauernde Verzinsung von –0,75 Prozent ganz andere Auswirkungen auf die Vermögensentwicklung.

Ein Beispiel: wenn 100 000 Franken während 40 Jahren zu 4 Prozent verzinst werden, wird ein Vermögen von 480 102 Franken angespart. Werden die 100 000 Franken während 40 Jahren mit –0,75 Prozent «verzinst», schmilzt das Vermögen nach 40 Jahren auf 73 998 Franken. Der Zinseszinseffekt hat dramatische Folgen: Das mit dem Negativzins belastete Sparkapital beträgt nach 40 Jahren nur noch 15,4 Prozent des mit 4 Prozent verzinsten Sparkapitals!

Die Auswirkungen des Negativzinses können wegen dem Zinseszinseffekt auf den Kapitalanlagen und dem negativen Einfluss auf den technischen Zinssatz (TZ), welcher zur Erhöhung des notwendigen Rentendeckungskapitals führt, mit der Gletscherschmelze verglichen werden. Die durch die Pensionskassen zu zahlenden Strafzinsen lassen den «Gletscher» wegen sinkender Erträge kürzer und schmaler werden, und die Reduktion des TZ mit der dadurch provozierten Reduktion des Umwandlungssatzes höhlt den «Gletscher», also die Rentenleistungen der zukünftigen Rentner, aus. Doch das Problem ist noch komplexer: in bezug auf Obligationen befinden sich die Pensionskassen in einer Zwickmühle. Ein Zinsanstieg würde an anderen Fronten Entlastung bringen – dafür ausgerechnet bei den Obligationen für kräftigen Gegenwind sorgen.

Der Negativzins hat im laufenden…