Hellwache Träumereien aus dem Thurgau

Die poetischen Sprachsplitter Gianni Kuhn

Ganz unvermittelt stehen sie da, diese Sätze, erzählen eine unerhörte Begebenheit und prägen sich tief ein: «Mitten im Umbau der Wohnung seiner Familie ging der Ehemann und Vater von fünf Kindern ins Freie, folgte der Strasse, ohne sich noch einmal umzudrehen.»

Ein Satz von Gianni Kuhn, 1955 in Niederbüren geboren, weit gereist, viel studiert, Kunst, Philosophie, auch Germanistik, in Zürich, New York und Paris, heute in Frauenfeld zu Hause. «Umbau», «Strasse» – kein Kleist-Satz also, kein Hebel-Satz, und doch ist da ein gewisser Ton, den man zu kennen glaubt. «Er fuhr ihr mit der Hand über das hell schimmernde Haar, als wollte er so auch ihre Gedanken streicheln.» Hat Kuhn den frühen Handke gelesen? «Der alte Mann schaute von einem Ende der Kastanienallee zum anderen, doch es war noch keine weitere Kastanie zu Boden gefallen.» Hat er womöglich die Diktion des «Herrn Keuner» im Ohr, den Sound des angeblich in seinen letzten Jahren weise gewordenen Buckower Brecht? Kafka hat er bestimmt studiert, auf jeden Fall auch Max Frisch gelesen. Und ohne Expressionisten und Surrealisten schreibt man nicht so. Assoziationen an Gelesenes, nicht nur aus der deutschsprachigen Literatur, stellen sich zwangsläufig ein.

Die Natur öffnet Gianni Kuhn ein weites Motivfeld, Tiere aller Art, viele Fische darunter, das Wasser überhaupt und das Meer, die vertrauten Alpen, alle Arten von Wetter, mehr Nebel und Regen allerdings als Sonne. Wobei ihm die Natur nirgends idyllisch wird, sondern immer Geschichte und Kultur einschliesst oder mit ihnen verschmilzt, wie in manchem Venedig-Text. Auch das Drama der Beziehungen, meistens zwischen Mann und Frau, mit Kind oder ohne, wird oft zum Thema dieser Sätze: «Sarah konnte sich nicht erklären, wieso sich ihr Freund in letzter Zeit so rar gemacht hatte. Schliesslich würden sie doch bald zu dritt sein.» Verzweiflung, Depression und Ausweglosigkeit mitten im ganz normalen Leben, das so normal offenbar gar nicht ist, sind diesem Dichter vertraut – die nicht enden wollenden Nöte einer Mutter an einem grauen Novembertag etwa, festgehalten in einer tief rührende Prosaskizze, die mit dem Satz «Und sie wusste nicht mehr wo ein und wo aus» endet. Was nebenbei ein Satz ist, der, wie öfters auch bei Robert Walser, einerseits erwartbar ist, andererseits aber mit geringsten sprachlichen Mitteln («wo») dem Erwartbaren eine kleine, aber entscheidende semantische Wendung gibt.

Und immer wieder der Schmerz, der Unfall, die Krankheit, das Spital, der Tod, der vielleicht ein anderes Leben ist, und auch der Tod als Ausweg: «Die Erinnerung an das Leben im Bauch seiner Mutter war derart stark, dass er im Hallenbad tauchend keinen Grund fand, wieso er wieder aus dem Chlorwasser hätte auftauchen sollen.» Man könnte – weshalb wir nun damit aufhören wollen – unentwegt zitieren, zitieren aus diesen nicht immer aus nur einem einzigen Satz bestehenden Prosafragmenten, die Gianni Kuhn «Splitter der Tage» nennt und in einem Buch gleichen Titels veröffentlicht hat. Es ist zweifelsohne das bedeutendste aus seinem bisher schmalen Werk – zwei Gedichtbände gibt es noch, und einiges noch nicht Publiziertes, Lyrik und Prosa.

Nicht dass die Gedichte weniger wichtig wären für sein Schaffen oder weniger eindringlich – Kuhn hat sehr schöne lyrische Texte geschrieben, zwei «die lage olympias» betreffende zum Beispiel, ein behutsames Gedicht über «das herz australiens» und die Konfrontation von Aborigines und Touristen am Uluru-Felsen, ein ernstes und anrührendes über die Katastrophe einer lebensverheerenden Ultraschall-Diagnose («down syndrom»), ein geschichtsbewusstes und also nachdenkliches Prosagedicht zum «stilfser joch«, aber auch ein freudig jubilierendes Textgewölk namens «soglio paradies».

Sie finden sich in dem Band «festland für matrosen», dessen titelgebendes Gedicht den so vitalisierenden wie sanft melancholischen Duft des Mittelmeers evoziert. Und auch Kuhns erster Lyrikband «alpseen.

meerkanten. anderorten.» bietet Futter für die nach denkwürdigen oder zunächst einmal nur stimmungsvollen Verszeilen lechzende Leserseele: «zürich blauer trunkenbold / unter des himmels gedröhne seltsam still / wie gedanken an nichts…»

Natürlich ist nicht alles gleichermassen gelungen, es gibt auch schwächere Texte, und die Kleinschreibung mag nicht jedermanns Sache sein. Man findet bisweilen zu viel neoexpressionistisch-hohles Wortgeklingel, auch gewisse postsurrealistische Buchstaben- und Satzzeichen-Experimente, die die Lektüre nicht einfacher machen und doch oft wenig bringen, und in «new york city kanal strömen» unterläuft dem Dichter sogar ein schwer verzeihlicher Fehler beim Zitieren eines Balladentitels von Bob Dylan. Gleichwohl: -Gianni Kuhn ist, obschon das ja auch schon etwas wäre, sicherlich mehr als ein begabter Verseschmied.

Er beweist in beiden Büchern, im zweiten mehr als im ersten, und auch in den danach entstandenen jüngsten Versen mehr als einmal, dass man ihn als beachtlichen Gegenwarts-Lyriker ansehen darf. Über die Lyrik hinaus jedoch ist er ein vielseitiger und spannender Dichter, der die Grenzen zu den anderen Künsten immer wieder überschreitet, ein aus der Moderne des 20. Jahrhunderts kommender Crossover-Poet und Kunst-Performer, dem es überall um den Einbruch des Poetischen und des Traums in den Alltag durchaus heutiger Menschen geht, um kleine Umschwünge ins Unerklärliche, um das Geheimnisvolle, verstandesmässig nicht ganz Auflösbare allen irdischen Seins letztlich. Und das konnte er bisher nirgends so gut darstellen wie in «Splitter der Tage».

Im ersten Teil dieses Buches finden sich 153 «Splitter», die von ihren Themen und Motiven her das aufnehmen, was sich der Autor bis anhin für seine phantastisch reichhaltige poetische Welt erarbeitet hat. Dass in dieser Kurzprosa weder der Tagträumer und noch der Sprachspieler Kuhn zu kurz kommen, versteht sich – immer aber ist der nur scheinbar banale Alltag Ausgangs- und bisweilen auch Zielpunkt des Erzählten.

Man liest feingeschliffene Beobachtungen aus der Mitte unserer Gegenwart, Gabelstapler kommen vor und Motorräder, Polizeibeamte und Nasenbluten, Bäckereien und Fischläden, Eisenbahnzüge und Autos, Computer und Schneefräsen und Buchhandlungen, und weil das alles zumindest auf den ersten Blick sofort vertraut ist, bleiben auch die verspieltesten Texte verständlich. Nehmen wir eine kleine Geschichte mit der vieldeutig-subversiven Überschrift «Anschnitt zur Norm».

Sie beginnt mit den Worten «Ehrmals äglich risches Rot» und handelt davon, dass ein durch die Stadt schlendernder Mann namens Sterner sich nicht dagegen wehren kann, den jeweils ersten Buchstaben aller ihm zufliegender Wörter weglassen zu müssen – und dass er bald merkt, wie sich durch diese Marotte neue Wortbedeutungen und somit neue Sprachzusammenhänge auftun. «Es war Sterner, als sei er in ein Traumland geraten, das ihn an seine Kindheit erinnerte.» Die Sache aber schreitet fort, und eines Tages liest er den Ortsnamen «Raueneld». Da fehlen nun schon zwei Buchstaben, und Sterner wird ein bisschen bange. Doch keine Sorge: Bei Kuhn erscheint dann einfach ein Löwe, der Herrscher über das Reich «Einmal-ist-keinmal», und als Sterner ihm sein Leid klagt, lacht er und fragt: «Willst du zurück in dein armseliges Leben voller überflüssiger Buchstaben?». Nun, es geht noch ein wenig hin und her, doch am Ende kann Sterner wieder ganz richtig lesen. Aus Freude darüber umarmt er wildfremde Passanten und ruft ihnen begeistert zu: «Alles ist so wunderbar normal!».

Leicht zu lesen, diese Geschichte, und doch äusserst tiefgründig, denkt man doch lange darüber nach, was «wunderbar» ist und was «normal» und inwiefern man, dem Kindsein entwachsen, wohl selbst ein armseliges Leben voller überflüssiger Buchstaben führt. Der Leser kann ein Sensorium für die Polyvalenz von Sprache entwickeln – eine gute Vorschule übrigens für die viel abstrakteren Wortfelder, die Gianni Kuhn auch geschaffen hat und die das Thema des ganz individuell zu bastelnden Patchworks semantischer Verweisungszusammenhänge spielerisch fortführen. Dass Poeten mit Wörtern spielen, ist nichts Neues – Kuhn aber öffnet dieses beliebte Assoziationsspiel radikal und nachdrücklich zum einzelnen, zum jeweils ganz besonderen Leser hin, geht es ihm doch um die lustvolle Entfaltung individueller Kreativität und Phantasie und nicht etwa um eine These oder eine Lehre.

«Splitter der Tage» bietet noch mehr als literarische Notate, Reflexionen und Aphorismen. Der zweite Teil des Buches enthält eine weitere Reihe knapper Prosatexte, manchmal nicht einmal eine halbe Seite lang, «Die Ausdehnung der Dinge» betitelt. Und drei Erzählungen dazu. Auch dieser Teil der Textsammlung, der bei aller Schonungslosigkeit ihrer «memento mori»-Motivik weder Komik noch Ironie fremd sind, bestätigt den Rang des Autors – «Der Kinderspaziergang» etwa, «Die Bronzefigur» oder «Umschlungen» sind moderne Kalendergeschichten vom Feineren. Gianni Kuhn erprobt sich, besonders in der anregenden Geschichte «Mein Haus in Novosiwinsk», auch im Spiel mit Erzählerfiktionen, er reflektiert den Prozess des Schreibens selbst und liefert dabei analysiersüchtigen Literaturwissenschaftern so mancherlei Verlockung, aus seinen Erzählungen eine Art «textimmanenter Poetik» herauszupräparieren.

«Ja, Novisiwinsk. Da wollen sie alle hin. Weiss Gott wieso», bemerkt eine ältere Frau mit Kopftuch. «Ich habe ein Haus zu besetzen. Sie verstehen? Ich bevölkere ein Haus mit Romanfiguren.» «Dann sind Sie ja nie allein.» «Ich bin allein und doch nicht allein. Das ist das Eigenartige am Schreiben.» Kuhn spielt auch in seinen längeren Erzählungen oft sehr gekonnt mit Sprache, er experimentiert freudig mit mehreren Wirklichkeitsebenen, und er verliert dennoch nirgends die Bodenhaftung. So liest man seine Prosa mit Vergnügen und Genuss. Sicherlich liest man sie nicht unbedingt und jederzeit ganz mühelos, und für die Gedichte und die Wortfelder gilt das noch ein wenig mehr. Die gelegentliche Mühe aber, falls man sie denn ob der Leichtigkeit und Unangestrengtheit vieler Texte überhaupt bemerkt, wird reich belohnt.

«Ich fasste mir ein Herz und stieg die steile Treppe hoch. Doch da war niemand. Nur ab und zu die Stimme eines Dichters, aber mehr wie ein Luftzug, ein Gedanke, eine innere Zeile. Mehr wie das Vorbeifliegen eines Vogels.» Treffender als mit diesem Naturbild lässt sich die Wortkunst des Frauenfelder Dichters kaum charakterisieren. Weshalb man es schon erstaunlich nennen darf, dass Gianni Kuhn selbst in der Schweiz immer noch als «Entdeckung» gelten muss. Mögen ihn viele Leser für sich entdecken! Sein nächstes Projekt ist ein Roman. Man darf gespannt sein.

Bibliografische Notizen:

Splitter der Tage. Prosa. 2002. 136 Seiten.

festland für matrosen. Gedichte. 2000. 96 Seiten.

alpseen. meerkanten. anderorten. Gedichte. 1999. 72 Seiten.

Die Bücher Gianni Kuhns sind im Literaturverlag Isele (Eggingen) erschienen..

Der Germanist Dr. Klaus Hübner lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.

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