Hellseher im Kleinen

Aus Anlass seines 50. Todestags erinnert eine Ausstellung an Robert Walser

Am frühen Nachmittag des 25. Dezember 1956 machte sich Robert Walser auf den Weg zu einem ausgedehnten Spaziergang. Wenige Stunden später fanden ihn zwei Kinder – tot. Mit seinem Namen verbanden damals nur noch wenige etwas. Seine Berliner Zeit, in der er durch die Romane «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jacob von Gunten» sowie zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften auf sich aufmerksam gemacht hatte, lag mehr als vierzig Jahre zurück. Seit seiner Einlieferung in die psychiatrische Anstalt Herisau 1933 hatte er keine Zeile mehr zu Papier gebracht. Die Spuren, die Walser auf seinem Lebensweg hinterliess, waren – wie es in einem ebenso luziden wie einfühlsamen Portrait von W.G. Sebald heisst – «so leicht, dass sie beinah verweht worden wären». Hätte sein Nachlassverwalter Carl Seelig sich nicht um Walsers Andenken gekümmert, kennte seinen Namen heute womöglich niemand mehr.

Seelig publizierte bis 1961 zehn Bücher Walsers. Die Editionsprinzipien, wenn von Prinzipien überhaupt die Rede sein kann, zeugen allerdings von einem Eigensinn, den man getrost auch als Dilettantismus bezeichnen darf. Erst Seeligs Tod 1962 und die Missachtung seines Testaments, das die Vernichtung von Walsers Nachlass bestimmte, machten den Weg für eine erste Gesamtausgabe frei. Jochen Greven, der Herausgeber, hat die mit ihr beförderte Wiederentdeckung dieses Autors, ja seinen Aufstieg vom Aussenseiter zum Klassiker, in einem 2003 im Libelle-Verlag veröffentlichten Buch anschaulich geschildert. Inzwischen gibt es sogar weitgediehene Pläne zu einer «Kritischen Walser-Ausgabe», die – angelehnt an das Vorbild der bahnbrechenden Hölderlin-Edition von D.E. Sattler – der Stroemfeld-Verlag plant.

Eine «Kritische Walser-Ausgabe» interessiert naturgemäss vor allem Spezialisten und Liebhaber. Sie ist für eine wissenschaftliche Beschäftigung unerlässlich und für eine dauerhafte Kanonisierung hilfreich. Einer Popularisierung nützt sie aber nur auf lange Sicht. Das Bedürfnis erscheint daher verständlich, für diesen Autor auch anders zu werben, zum Beispiel durch eine Ausstellung. Doch eine Literaturausstellung kann, anders als eine Schau mit Werken der bildenden Kunst, immer nur Aussenansichten, Beiwerk und allenfalls kleine Werkausschnitte zeigen. Ihre Veranstalter vertrauen zumeist darauf, dass es vielfältigen Präsentationsformen von Fragmenten und Nebensächlichkeiten gelingen möge, den Besucher zu einer Lektüre zu animieren.

Eine Robert-Walser-Wanderausstellung, die nach Stationen in Frankfurt, Berlin und Prag jetzt auch nach Bern gelangt ist, setzt den Hauptakzent auf die Biographie. Das hat den Vorteil grosser Übersichtlichkeit; von der Wiege bis zur Bahre sind alle wichtigen Lebensstationen auf Schrifttafeln aufgeführt und erläutert. Durch Vitrinen mit Büchern und Zeitschriften werden sie beglaubigt, mit grossformatigen Photographien von Häusern, Landschaften und Stadtansichten illustriert und durch Nachbauten, etwa eines historischen Schreibkontors und einer Schlafkammer, atmos­phärisch vermittelt. Wer nichts von Walser weiss, erfährt auf einem entspannten Rundgang von einer Stunde alles, was man wissen muss – alles über Walsers Leben. Warum er ein grossartiger Schriftsteller war, erfährt man jedoch nicht. Auch ein Film, in dem die Theaterkritiken ausgerechnet dieses immer so überaus bescheiden auftretenden Autors ex cathedra vorgelesen werden, schafft nur wenig Abhilfe. Eine grössere Zahl von Handschriften sind kostbare Einzelstücke; präsentiert werden sie – konservatorisch unverantwortlich – unter Dauerbeleuchtung und noch dazu in den meisten Fällen ohne Transkription. Warum man Walser lesen sollte, erfährt man daher auch hier nicht, denn die Unikate werden lediglich mit einer Aura umgeben, aber nicht zum Sprechen gebracht.

Warum aber sollte man Walser lesen? Weil er, wie es in seiner Einleitung zu «Fritz Kochers Aufsätzen» heisst, ein Hellseher im Kleinen war und einen Ton kultivierte, der unübersehbare Züge von Manierismus mit hauchzarter Ironie verband und dadurch in ein ambivalentes Schweben brachte. Man sollte ihn auch deshalb lesen, weil die Widerstandslosigkeit, mit der seine Romanhelden den Lauf der Welt akzeptieren, auf eine Art ins Extrem getrieben ist, die einen zur Weissglut bringen könnte, paarte sich…

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