Helikoptereltern machen Kinder weniger widerstandsfähig und schaden ihnen so
Damit Kinder resilient werden, müssen Eltern ihnen zutrauen, Herausforderungen zu meistern. Das bedeutet aber nicht, sie mit ihren Problemen allein zu lassen.
Wenn es um Erziehung geht, pendelt das gesellschaftliche Ideal mal in die eine, mal in die andere Richtung. Jede Epoche bringt neue oder wiederaufgelegte Varianten von Erziehungsansätzen hervor: von der demokratischen zur autoritären Erziehung, von der bindungsorientierten oder sanften Erziehung zu den «Tigermüttern», von «Helikopter-» oder «Rasenmähereltern» bis hin zum Freilaufstil.
Doch was können Eltern tun, um die Widerstandsfähigkeit ihrer Kinder in schwierigen Situationen – also ihre Resilienz – zu stärken und gleichzeitig ihre Fähigkeit zu fördern, die schönen Seiten des Lebens bewusst wahrzunehmen und zu geniessen? Eltern können realistischerweise kaum vorhersehen, welchen Herausforderungen ihr Kind im Laufe seines Lebens begegnen wird. Umso wichtiger ist es, ihm ein stabiles Fundament mitzugeben, das es befähigt, mit Ungewissheit, Wandel und Belastung umzugehen.
Beste Absichten
Werfen wir einen Blick auf überfürsorgliche Eltern, oft auch als Helikoptereltern bezeichnet. Sie handeln meist aus bester Absicht. Bildlich gesprochen kreisen sie wie ein Helikopter um ihr Kind, stets bemüht, es zu beschützen und vor den Widrigkeiten des Lebens zu bewahren.
Doch wenn Kinder nur selten mit den Herausforderungen und Komplexitäten des Alltags konfrontiert werden, fehlt ihnen die Gelegenheit, jene Strategien zu entwickeln, mit denen sie kleinere und grössere Schwierigkeiten selbstständig meistern können. Gleichzeitig erlernen sie grundlegende Fähigkeiten der Emotions- und Verhaltensregulation nur unzureichend und erfahren auch nicht, wie erfüllend es sein kann, ein Problem selbst zu lösen und gestärkt aus diesem Prozess hervorzugehen. Genau solche Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sind entscheidend, um Herausforderungen mit Zuversicht und innerer Stärke anzugehen.
Aus psychologischer Sicht haben Kinder von Helikoptereltern deutlich seltener die Gelegenheit, essenzielle Bewältigungsstrategien und andere Lebenskompetenzen zu entwickeln, mit denen sie Herausforderungen eigenständig angehen und lösen können. In einer unserer Studien zeigte sich beispielsweise, dass zweijährige Kinder mit überfürsorglichen Eltern im Alter von fünf Jahren weniger gut in der Lage waren, ihre Emotionen, etwa Frustration oder Angst, zu regulieren. Fünf Jahre später, mit zehn, traten bei diesen Kindern vermehrt psychische Probleme auf, darunter Angst, depressive Symptome und geringes Selbstwertgefühl. Zudem zeigten die Kinder geringere soziale Kompetenzen, etwa in der Fähigkeit, Konflikte mit Freunden zu lösen; sie schnitten auch schulisch schlechter ab als ihre Altersgenossen.
«Wenn Kinder nur selten mit den Herausforderungen und Komplexitäten des Alltags konfrontiert werden, fehlt ihnen die Gelegenheit, jene Strategien zu entwickeln, mit denen sie kleinere und grössere Schwierigkeiten selbstständig meistern können.»
Dass die Auswirkungen des überfürsorglichen Erziehungsverhaltens vor allem langfristig sichtbar werden, überrascht kaum: Sie kumulieren sich über Tausende kleine und grosse Interaktionen hinweg – über Jahre und Jahrzehnte. Gleichzeitig darf die genetische Komponente nicht unterschätzt werden. Es ist durchaus möglich, dass überfürsorgliche Eltern selbst genetische Veranlagungen oder familiäre Prägungen für ängstliches Verhalten mitbringen, die sich auch auf das Kind übertragen können.
Unterstützendes Umfeld
Was also ist ein gesundes Gegenstück zur Überfürsorge? Fest steht: Unterfürsorge, oder im Extremfall Vernachlässigung und emotionale Deprivation, ist es nicht. Kinder mit ihren Problemen allein zu lassen, sei es zu Hause oder in der Schule, hilft ihnen nicht weiter. Eigenverantwortung ist ein wichtiges Ziel, doch sie kann nur dann sinnvoll entwickelt werden, wenn Kinder über die nötigen sozialen und emotionalen Kompetenzen verfügen, um mit Herausforderungen selbstständig umgehen zu können.
Gerade bei jüngeren Kindern, etwa in der Primarschule, hört man oft die Aufforderung, soziale Konflikte selbst zu lösen – mit dem Hinweis, das fördere die Selbstständigkeit. Doch diese Erwartung ignoriert, dass Kinder in diesem Alter häufig noch nicht über die erforderlichen Strategien verfügen, um komplexe soziale Situationen zu bewältigen. Viel wirksamer ist es, sie altersgerecht zu begleiten: durch Anleitung, Übung und gemeinsames Reflektieren mit einfühlsamen Erwachsenen.
Gute Erziehung bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Schutz und Freiraum, zwischen Anleitung und Autonomie. Die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu meistern, entsteht nicht von selbst. Sie wächst durch feinfühlige Unterstützung, durch das gemeinsame Besprechen und spielerische Erproben von Herausforderungen, durch das Vorleben konstruktiver Lösungswege und durch ein verlässliches Auffangnetz. Die ausgewogene und altersgerechte Balance zwischen Begleiten und Loslassen bildet die Grundlage für langfristige Resilienz.
In unserer Zürcher Studie zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter, ebenso wie in anderen Längsschnittsstudien, zeigt sich deutlich, dass ein unterstützendes familiäres Umfeld ein zentraler Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist. Emotionale und praktische Unterstützung durch die Eltern, etwa Trost, Hilfe bei Problemen oder gemeinsame Aktivitäten wie Gespräche, gemeinsames Spielen oder andere Formen des Miteinanders, fördert die Fähigkeit der Jugendlichen, ihre Emotionen zu regulieren und wirksame Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Besonders eindrücklich ist, dass sich die positiven Auswirkungen unterstützender Eltern-Kind-Beziehungen auch langfristig nachweisen lassen. Jugendliche, deren Eltern bereits knapp zehn Jahre vor der Covid-19-Pandemie engagiert und einfühlsam agierten, zeigten als junge Erwachsene eine höhere Resilienz gegenüber den Herausforderungen der Pandemie. Sie konnten mit Belastungen wie sozialer Isolation, Unsicherheit oder Schwierigkeiten in der Ausbildung besser umgehen, reagierten flexibler auf Stress und setzten verschiedene Bewältigungsstrategien gezielt ein.
Für diese jungen Menschen zahlte sich aus, dass ihre Eltern schon vor knapp zehn Jahren regelmässig mit ihnen über Alltagsprobleme gesprochen hatten und sie aktiv durch unterschiedliche Lebenssituationen begleitet hatten.
Die Studienergebnisse verdeutlichen, wie entscheidend entwicklungsgemässe Unterstützung durch Eltern für die Entwicklung psychischer Widerstandskraft ist. Diese Einflüsse wirken nachhaltig – über Jahre hinweg und selbst in Bezug auf Herausforderungen, die weder vorhersehbar waren noch von den Eltern selbst je erlebt wurden. Ein stabiles, unterstützendes familiäres Umfeld in der Kindheit und Jugend kann somit massgeblich dazu beitragen, wie gut junge Menschen später mit Krisen umgehen.
«Ein unterstützendes familiäres Umfeld ein zentraler Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist.»
Darüber hinaus kann auch das erweiterte soziale Netzwerk eine wichtige Rolle spielen: Erwachsene Bezugspersonen wie Gotti und Götti, Familienfreunde, Lehrpersonen oder Trainer/-innen können als stabilisierende und unterstützende Einflüsse zur Resilienz des Kindes beitragen.
Dennoch wäre es eine Illusion zu glauben, dass die Erziehung allein alles richten könne. Wenn junge Menschen gleichzeitig mit einer Vielzahl von Belastungen konfrontiert sind, etwa Mobbing, fehlenden Zukunftsperspektiven, mangelhaft strukturierter gesellschaftlicher Unterstützung oder einer unzureichenden Versorgung psychischer Probleme, kann es selbst Kindern mit den feinfühligsten Eltern an Resilienz fehlen.
Resilienz ist eine gemeinsame Aufgabe
Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels individueller Eigenschaften, familiärer Fürsorge und unterstützender gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – wie etwa familienfreundlicher Strukturen. Eltern können viel bewirken, doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt, insbesondere dann, wenn sie selbst überlastet sind und kaum Kraft für eine feinfühlige Begleitung ihrer Kinder aufbringen können. Auch Eltern benötigen mitunter psychologische Unterstützung. Es braucht daher niedrigschwellige Angebote, die auf Eltern zugeschnitten sind: etwa Erziehungsberatung, spezifische Therapieformate für Eltern oder Elterngruppen, die soziale und praktische Unterstützung bieten.
Damit Kinder wirklich resilient werden, braucht es ein fein abgestimmtes Netzwerk aus Unterstützung, Freiräumen, klaren Grenzen und Fürsorge – in Familie, Schule, Gesundheitssystem und Gesellschaft. Resilienz ist eine gemeinsame Aufgabe. Sie gelingt nur, wenn die Gesellschaft Verantwortung übernimmt – für die Rahmenbedingungen, unter denen Kinder aufwachsen und Eltern ihren Erziehungsauftrag wahrnehmen können.