Helfen wollen

Der Westen spielt sich gegenüber Afrika noch immer als wohlwollender grosser Bruder auf. Für eine Geschäftsbeziehung taugt das nicht.

Alex, in Ihrem Buch schreiben Sie immer und immer wieder, dass Europa Afrika fundamental missverstehe. Wie kommen Sie darauf?

Weil wir anmassend sind. Die Einstellung des sogenannten Westens zum afrikanischen Kontinent hat sich seit der Kolonialzeit kaum verändert: Wir sehen die Armen der Welt immer noch als minderbemittelte Leute, als unfähig, ihre eigenen Probleme zu lösen. Es braucht uns, den nachsichtigen, grossherzigen, engagierten Westen, der ihnen hilft. Wobei helfen das ist, als das wir es empfinden. Die Armen sehen etwas anderes.

Nämlich?

Fremde, die einem sagen, wie man leben und was man denken soll. Sehen Sie, es ist ganz einfach. Der Lebenssinn, den Sie aus der Unterstützung eines angeblich hilflosen Menschen ziehen, entspricht genau der Menge an Lebenssinn, die Sie ihm dadurch wegnehmen. Sie berauben ihn. Darum geht es. Es hat peinlicherweise extrem lange gedauert, bis ich das verstanden habe. Bis ich es überhaupt gehört habe.

Warum? So kompliziert scheint mir das nicht.

Wie es oft ist, weil ich meinen Fokus woanders hatte. Meine Geschichten waren andere. Ich habe jahrelang die Hintergründe einer Hungersnot erklärt, das Leben eines bestimmten Politikers, die Folgen einer Naturkatastrophe. Das war natürlich auch das, worüber die Leute gesprochen haben. Aber dahinter, in der Art, wie mir Afrikaner ihre Geschichten erzählten, gab es immer einen einzigen roten Faden: die Wut, dass man ihnen die Freiheit raubt. Die Freiheit, sich und ihre Familie selber ernähren zu können, auf ihre eigene Art mit Krieg umzugehen, ihre eigenen Entscheide zu fällen. Das ist das fundamentale Missverständnis. 

 

Im Buch erzählt Alex Perry die Geschichte des Südsudan, einer lehmigen Provinz mit fünf geteerten Strassen südlich des Sudan, der wiederum südlich von Ägypten liegt. Ein armes, schlecht verwaltetes Stück Land ohne Zugang zum Meer. Unter westlichen Medizinern unter anderem bekannt dafür, dass hier Medinawürmer die Menschen plagen, ein Parasit, auf den wir hier nicht näher eingehen wollen. 2011 erklärte sich Südsudan für unabhängig vom nördlichen Nachbarn Sudan und ist seither der jüngste Staat der Welt. Die Hauptstadt heisst Juba; Perry beschreibt die Stadt als einen Ort mit nur wenigen öffentlichen Gebäuden, kaum Polizisten, Soldaten und Leute mit Universitätsabschluss. Dafür mit Bars, in denen Expats, Dealer und Prostituierte aufeinandertreffen. Trotzdem setzten sich westliche Aktivisten, Medien, amerikanische Parlamentarier, Präsident Barack Obama und die UNO für eine Unabhängigkeit Südsudans ein. Warum? Hauptsächlich, weil der Sudan von Islamisten regiert werde, schreibt Alex Perry. Und wegen eines Mannes, der sonst Filme, Kaffee und Damenträume verkauft: Hollywoodstar George Clooney.

 

Unsere Hauptsünde sehen Sie in der Entwicklungshilfe?

In der grundsätzlichen Haltung, die dahintersteckt. Diese anmassende Vorstellung, dass man Leuten, von denen man kaum etwas weiss oder wissen will, helfen muss. Und damit extrem viel Schaden anrichtet.

Welchen Schaden?

Wenn man beispielsweise irgendwelche Lebensmittel und Alltagsgüter kostenlos oder sehr billig auf den Markt wirft, zerstört man die lokalen Preise komplett und damit auch die lokalen Unternehmen. Man schafft grosse strukturelle Abhängigkeiten. Heute beträgt das Volumen der Entwicklungshilfeindustrie in Afrika jährlich rund 57 Milliarden US-Dollar. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt der zwanzig ärmsten Staaten auf dem Kontinent zusammen. Es ist das grösste Business in Afrika.

Gegen Business ist nichts einzuwenden.

Aber gegen Heuchelei. Es macht mich sehr wütend, dass man sich als grossherziger christlicher Held inszeniert, wenn es in Wirklichkeit nur um den eigenen Narzissmus geht. Es ist so verlogen. Und es hat eine lange Tradition. Haben Sie diese Bilder aus Lesbos gesehen?

Nein.

Es gibt im Moment, dies nur ein Beispiel, eine Nichtregierungsorganisation, die auf einer griechischen Insel ankommenden Flüchtlingen hilft. Sie dokumentieren das mit Geschichten und Bildern – und zwar von ihren eigenen Helfern, wie sie durch den Tag gehen, was sie dort tun. Es geht um…