Heiter bis wolkig

Ich liege öfter falsch, als mir lieb ist. Ein Beispiel: Nie hätte ich gedacht, dass Donald Trump sich so lange im amerikanischen Präsidentschaftsrennen halten würde. Kognitive Niederlagen bergen indes auch grosse Chancen. Sie helfen, eigene Überzeugungen als Hypothesen zu erkennen, die ständig überprüft werden wollen. Machen wir den Test im Labor der Zeitgeschichte: Hätten Sie […]

Ich liege öfter falsch, als mir lieb ist. Ein Beispiel: Nie hätte ich gedacht, dass Donald Trump sich so lange im amerikanischen Präsidentschaftsrennen halten würde. Kognitive Niederlagen bergen indes auch grosse Chancen. Sie helfen, eigene Überzeugungen als Hypothesen zu erkennen, die ständig überprüft werden wollen.

Machen wir den Test im Labor der Zeitgeschichte: Hätten Sie vor zehn Jahren geglaubt, dass der Bund und die Schweizer Nationalbank die Grossbank UBS retten müssen? Dass die skandinavischen Staaten militärisch wieder aufrüsten? Dass der Ölpreis unter 30 Dollar pro Barrel fällt?

Es gibt Menschen, die einen Riecher dafür haben, die Zukunft vorauszusagen. Der Wiener Ökonom Felix Somary beispielsweise sah in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Krisen kommen, bevor diese eintraten (siehe Februar-Ausgabe des «Monats»). Entwicklungen ein- und abschätzen zu können, ist indes keine mysteriöse Gabe, die einem von göttlichen Kräften verliehen wird. Dies zumindest behauptet der Psychologe Philip Tetlock in seinem faszinierenden Buch «Superforecasting». Er geht darin der Frage nach, warum einige Menschen in ihren Vorhersagen höhere Trefferquoten haben als andere. Die aufbauende Botschaft lautet: jeder kann zum Superprognostiker werden. Und es gibt sie, die wichtigen Signale für künftige Ereignisse  – etwa Nahrungsmittelpreise oder Kapitalflussrechnungen. Tetlocks «Superprognostiker» sind Skeptiker, die solche Signale aufspüren und stets bereit sind, ihre vorigen Prognosen anzupassen – also den eigenen Glauben auf den neusten Stand zu bringen. Sie scheuen sich auch nicht davor, Wahrscheinlichkeiten mit Nummern zu beziffern.

Was also passiert in den nächsten Jahren? Hier die ernüchternde Botschaft: Wir wissen es nicht. Aber auf die Gefahr hin, falsch zu liegen, folge ich Tetlocks Aufruf, Prognosen mit Prozentzahlen auszustatten: Grossbritanniens Wähler sagen mit 70prozentiger Wahrscheinlichkeit «Nein» zum «Brexit», Frankreich gewinnt mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit die Fussball-Europameisterschaft  und Angela Merkel ist mit 42prozentiger Wahrscheinlichkeit am Ende dieses Jahres nicht mehr deutsche Bundeskanzlerin. Sie trauen der Geschichte nicht? Recht so. Aber es ist besser, die eigene Fehlbarkeit zu entdecken, als sich hinter wolkigen Allgemeinplätzen zu verstecken.