Heimat

«Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat. Heimat ist der Ort, an dem das ‹Wir› Bedeutung bekommt.»
Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 3. Oktober 2017 zum Tag der Deutschen Einheit

 

Es ist ein schöner Begriff, bei dem einem warm wird ums Herz. Oder aber eiskalt, wenn ihn jemand missbraucht. «Heimat» mag für jeden etwas anderes sein. Aber immer ist es etwas Positives. Heimat ist dort, wo sich Menschen wohl und zu Hause fühlen. Heimat ist ein Stück persönliche Identität.

Für die einen besteht Heimat aus dem geliebten Gefährten, der nächsten Familie, den Freunden, wo auch immer diese sich räumlich befinden. Für manche ist sie auch nur eine vertraute Landschaft, die ihnen gut tut, oder die Sprache der Kindheit, einschliesslich der regionalen Färbung. Für andere steht das familiäre Erbe dahinter, die angesichts der Vergänglichkeit des Lebens tröstliche Möglichkeit, sich als Glied einer Kette zu verorten. Und für die nächsten ist es wiederum etwas Kulturelles, das dafür sorgt, dass sie sich selbst in einer anonymen modernen Grossgesellschaft zurechtfinden und sich verstanden fühlen, ungefähr so, wie es Frank-Walter Steinmeier zu beschreiben versuchte.

Doch die Unschuld dieses individuell empfundenen Rückzugsorts geht in jenem Augenblick verloren, in dem «Heimat» als Abgrenzungsbegriff gebraucht wird, aufgeladen mit Nationalismus, Ethnozentrismus oder Rassismus. Und schon vorher droht es ordentlich zu stauben vor Heimattümelei, zum Beispiel wenn der Hosenlupf wichtiger zu werden scheint als das Völkerrecht. Der Schriftsteller Martin Walser fand dafür die boshafte Formel: «Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.»

Die Etymologie des Wortes «Heimat» verweist auf Herkunft, Wohnort und Schlafstatt («hämatli», «haima»). In Zeiten grosser Mobilität, in denen sich viele Menschen mehr oder weniger freiwillig auf Wanderung begeben, fallen diese drei indes nicht mehr zwangsläufig zusammen. Nach Darstellung des Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sen (1998) hat jede Person überlappende Identitäten: Man kann zum Beispiel indischstämmig, dunkelhäutig, homosexuell, kreativ begabt, areligiös und Pass-Schweizer sein und aus jedem dieser Elemente Identitätsbewusstsein ziehen, das zu einer besonderen Mischung verschmilzt. Ebenso kann man in verschiedenen Städten, Sprachen und Milieus Heimatgefühle entwickeln. Wer dies konzeptionell nicht berücksichtigt, erkauft in seinem Heimatbegriff den Wohlfühlfaktor für Insider mit der Abweisung aller, die er zu Outsidern erklärt.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredaktorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»