Hauswart M.A.?

Ein hoher Akademikeranteil ist nicht Ausdruck eines hohen Bildungsniveaus. Im Gegenteil: die Bachelorisierung aller Berufe entwertet die Lehre. Gedanken zur Zukunft des dualen Bildungssystems.

Hauswart M.A.?
Mathias Binswanger, photographiert von Thomas Burla.

Wenn es um das Bildungssystem geht, dann herrscht in unserem Land eine eigenartige Schizophrenie. Auf der einen Seite ist man stolz auf unser duales System mit der bewährten Berufslehre und wird nicht müde, dessen Qualitäten zu betonen. Gleichzeitig wird dieses System jedoch schleichend entwertet, indem man den Lehrling immer mehr zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert. Man möchte immer mehr Maturanden, Bachelors und Masters und sorgt damit für eine zunehmende Akademisierung unseres Bildungssystems. Die absehbare Konsequenz: das duale System wird zu einer Karikatur seiner selbst.

So tummeln sich immer öfter auch jene jungen Menschen an Hochschulen und Universitäten, die eigentlich andere als intellektuelle Begabungen besitzen. Eine Lehre machen nur noch diejenigen, die keine andere Wahl haben, und das hat fatale Folgen. Die Qualität der Facharbeiter und Handwerker geht tendenziell zurück, während Jugendliche, die ausgezeichnete Facharbeiter wären, sich als Studenten an Fachhochschulen und Universitäten abmühen. Auf diese Weise werden wir langsam, aber sicher zu einem Volk von mittelmässigen Massenakademikern. Dies fällt aber kaum auf – im Gegenteil. Man sieht nur den Qualitätsrückgang bei den Lehrlingen und zieht daraus den Schluss, dass die Berufslehre unseren heutigen Anforderungen nicht mehr genüge und dass wir stattdessen mehr Studenten bräuchten. Also treibt man die Akademisierung weiterer Bildungsgänge voran, was wiederum bloss dazu führt, dass man noch mehr Studenten und noch weniger Lehrlinge braucht und die Qualität der Lehrlinge weiter zurückgeht. Der langsam sich abzeichnende Qualitätsverlust des dualen Bildungssystems wird so zu einer hausgemachten, sich selbst erfüllenden Prophezeiung – weitgehend unbemerkt.

Woher kommt eigentlich diese ganze Akademisierungseuphorie? Offenbar ist man geistig irgendwie in den 1950er Jahren steckengeblieben, als eine akademische Ausbildung tatsächlich nur einer Minderheit der Menschen offenstand und Akademiker Mangelware waren. Doch mit der Zeit wurde die Forderung nach mehr Bildung zum Selbstläufer. Aus der Erfahrung, dass 10 Prozent Akademikeranteil besser waren als 5 Prozent, wurde zielsicher gefolgert, dass 40 Prozent Akademikeranteil auch besser sein müssen als 20 Prozent. So entwickelte sich eine simple Tonnenideologie, die behauptet, unser Wohlstand sei umso grösser, je mehr Zeit Menschen in Schulen und Universitäten absitzen würden und je mehr Abschlüsse sie dort machten. Demzufolge gilt: Kinder sollen so früh wie möglich eingeschult werden, damit nachher möglichst viele von ihnen eine Matura machen. Und von den Maturanden sollen wiederum möglichst viele danach einen Bachelor oder Master erwerben. Aber dann ist noch nicht Schluss. Kaum arbeitet man einmal für Geld, werden Zusatzakademisierungsprogramme im Rahmen der Weiterbildung gefordert. Möglichst viele Menschen sollen danach auch noch einen Weiterbildungsmaster, Executive MBA oder weitere Titel erwerben, die man in Zukunft aber sicher noch erfinden wird.

 

Akademisierung und Jugendarbeitslosigkeit

Um die Wichtigkeit der akademischen Bildung herauszustreichen, werden gerne Statistiken wie die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung bemüht. Diese zeigt nämlich bei einem Vergleich der Zahlen von 1991 bis heute, dass Jobs während dieser Zeit vor allem dort entstanden sind, wo die Ausbildungen besonders lang und maturaintensiv sind (Ärzte oder Anwälte), während dort, wo die Ausbildungen kurz und ohne Matura ablaufen (Putzhilfen oder Bauhilfsarbeiter), Stellen abgebaut wurden. Also, wird dann gefolgert, braucht es immer mehr Akademiker, aber immer weniger nichtakademische Arbeiter.

Eine solche Argumentation zeigt exemplarisch, was dabei herauskommt, wenn man Ursache und Wirkung durcheinanderbringt. Die Zunahme der Nachfrage nach tertiären Ausbildungen kommt kaum daher, dass es immer mehr Ärzte und immer weniger Putzhilfen bzw. immer mehr Anwälte und immer weniger Aushilfsarbeiter braucht. Der steigende Bedarf ergibt sich zum grossen Teil daraus, dass heute für viele Berufe, die man vor 20 Jahren mit Lehre oder Seminarausbildung ausüben konnte, ein Studium erforderlich ist. So ist etwa aus der Krankenschwesternlehre ein Studium an einer Höheren Fachschule mit dem Abschluss «Pflegefachfrau HF» geworden bzw. das Studium «Pflege» an einer Fachhochschule. Und für den Beruf des Primarlehrers, den man früher ohne Matura mit Seminarausbildung erlernen konnte, braucht es jetzt ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule mit Bachelorabschluss. Die steigende Nachfrage nach «Akademikern» wird also zu einem grossen Teil durch die Akademisierung vieler Bildungsgänge geschaffen.

Wohin das letztlich führt, können wir erkennen, wenn wir in ein Land wie Finnland schauen, wo die Maturitätsquote inzwischen bei über 90 Prozent liegt. Ein Grossteil der künstlich hochgezüchteten Maturandinnen und Maturanden macht nachher gar nie einen Hochschulabschluss und bleibt irgendwo auf der Strecke. In Finnland ist das etwa die Hälfte der Maturanden, was die grossartigen über 90 Prozent mit Gymnasialabschluss schnell wieder relativiert. Das Problem dabei ist, dass diese Schüler keine Berufsausbildung haben und zu keiner Zeit auf eine praktische Tätigkeit vorbereitet wurden. Kein Wunder, haben die Länder mit hohen Maturitätsquoten deshalb auch hohe Jugendarbeitslosigkeitsquoten (Alter 15 bis 24). Diese lag im August dieses Jahres in Finnland bei 24 Prozent. Und in Italien, einem Land mit einer ebenfalls sehr hohen Maturitätsquote von etwa 75 Prozent, lag die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 41 Prozent. Da wirken die 3,6 Prozent in der Schweiz doch erfreulich bescheiden.

Doch es kommt noch besser. Die jungen Menschen, die in Ländern wie Italien, aber auch Deutschland studieren, müssen dies zum grössten Teil unter Bedingungen tun, unter denen akademische Bildung zu einem schlechten Scherz verkommt. In überfüllten Hörsälen versuchen sie, etwas von dem zu erhaschen, was früher einmal eine Vorlesung war und jetzt zu einer Art Massenauflauf geworden ist. Natürlich hat man auf diese allgemeine Degeneration der universitären Bildung in Ländern wie Deutschland längst reagiert. Der neue Trend heisst: Gründung von Eliteuniversitäten, welche die Crème de la Crème des Nachwuchses ausbilden sollen. Auf diese Weise entsteht dann ein in Wirklichkeit noch viel elitäreres Bildungssystem, bei dem nur noch das Studium an ein paar wenigen Eliteuniversitäten zählt und der grosse Rest der Studenten seine Zeit an zweit- und drittklassigen Massenuniversitäten verplempert, was im späteren Berufsleben keine grosse Hilfe ist. Ein hoher Akademikeranteil kann deshalb zunehmend nicht mehr als ein Indikator für ein hohes Bildungsniveau in einem Land gedeutet werden, sondern wird zu einem Indikator für die Ineffizienz des Bildungssystems.

 

Lob aus den USA

Der nach wie vor relativ geringe Anteil von Studenten in der Schweiz ist somit tatsächlich eine ihrer grössten Stärken. Die Schweiz hat es bisher einigermassen geschafft, die Entwicklung in Richtung Massenuniversitäten im Zaum zu halten und die Qualität der universitären Ausbildung generell an Universitäten und Fachhochschulen zu wahren. Und die Berufslehre sorgt trotz stetiger Schwächung immer noch für eine praxisnahe und effiziente Ausbildung in verschiedenen Berufsfeldern, die sich dem Trend zur Akademisierung bisher entziehen konnten.

Das wird auch im Ausland zunehmend bemerkt. So weilte kürzlich der US-Arbeitsminister Thomas Perez in der Schweiz, um sich genauer mit unserem Bildungssystem vertraut zu machen. Die Schweiz ist in dieser Hinsicht – die Akademikerenthusiasten mögen es kaum glauben – ein Vorbild für die USA. In einem Interview mit der NZZ dieses Jahres erklärte Perez, dass ein wichtiges Element zur Steigerung der Zahl qualifizierter Arbeitskräfte der Ausbau des Berufslehrsystems sei.1 In der Schweiz reiche dieses System quer durch die ganze Volkswirtschaft, und die USA wollten das auch erreichen. Als zentrales Element für die Attraktivität des Schweizer Modells sieht er auch dessen Durchlässigkeit, denn dank der Berufsmatura können Lehrlinge später noch eine tertiäre Ausbildung absolvieren, sofern sie dies wünschen und sich dafür qualifizieren. Eine grosse Herausforderung in den USA sei aber, so betonte Perez, die Wahrnehmung der Eltern, dass das College für ihr Kind besser sei als eine Berufslehre.

Leider hat sich diese Haltung mittlerweile auch in der Schweiz durchgesetzt. Auch hierzulande fühlen sich Eltern tendenziell zweitklassig, wenn ihre Kinder «nur» eine Berufslehre absolvieren. Und das kann man ihnen auch nicht übel nehmen. Die staatlich forcierte Akademisierung vieler Bildungsgänge hat zunehmend dafür gesorgt, dass eine erfolgreiche Karriere nur noch mit einem Studium möglich ist. Genau hier gilt es anzusetzen. Man muss den Lehrlingen ihren Berufsstolz zurückgeben und die Lehre nicht als zweitklassig, sondern als eine dem Studium gleichwertige Ausbildungsform etablieren. Das ist aber nur dann möglich, wenn man sich endgültig von Zielen wie der Steigerung der Maturitätsquote verabschiedet und die Akademisierung immer weiterer Bildungsgänge nicht mehr vorantreibt.

In vielen Berufsfeldern ist ein «Learning by Doing» eine viel effizientere und auch qualitativ bessere Form der Ausbildung als ein Studium an einer Bildungsinstitution. Die zunehmende Komplexität vieler Tätigkeiten erfordert Praktiker, die wissen, wie man mit Schülern, Patienten, Maschinen, Computern oder Daten umgeht. Und es braucht keine Pseudoakademiker, die wissen, wie man Bachelorarbeiten mit aus dem Internet übernommenen Inhalten zusammenschustert oder wie man intelligent über Themen referiert, die man nicht versteht. Doch solche Erscheinungen sind inzwischen leider akademischer Alltag.

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